Der Sieg der Bolschewiki war mit den Namen von Lenin und Trotzki verknüpft – von Stalin war damals kaum die Rede. War Lenin dabei der große Taktiker, so fehlte es Trotzki schon in seinem Kampf mit Stalin gerade an dessen ungewöhnlichem politischen Instinkt. Auf fast allen sonstigen Gebieten überragte Trotzki Lenin. Die knappe, aber umfassende und tiefschürfende Analyse von

Ernest Mandel: "Leo Trotzki – Eine Einführung in sein Denken"; Verlag Olle & Wolter, Berlin 1981,166 S., 19,80 DM

zeigt sowohl die Stärke wie die Schwäche des geschlossenen Weltbildes jenes Mannes, der wohl der neueste Schüler von Marx gewesen ist.

Erst nach Lenins Sturz begann der Gründer der Roten Armee den Stalinismus zu bekämpfen. An dem Glauben an die weltrevolutionäre Mission der Avantgarde des Proletariats hielt er fest und rief schließlich sogar eine Vierte Internationale ins Leben. Mandel sieht Trotzkis Grundannahme in der Überzeugung, daß "die objektiven Bedingungen für die Geburt einer wirklich sozialistischen Gesellschaft in vollem Umfang herangereift" seien. Hierfür zeugten "die Entwicklung der Produktivkräfte, die Zunahme der Zahl, des gesellschaftlichen Gewichts und der relativen Homogenität der Lohn- und Gehaltsempfänger". Mandel will bis heute nicht einsehen, daß Zahl, Gewicht und Homogenität des eigentlichen Industrieproletariats doch eher abnehmen.

Wird in der Gesamtschau Mandels die Fragwürdigkeit der weltrevolutionären Grundhypothese Trotzkis deutlich, so gibt der Sammelband

I. Deutscher, G. Novack, H. Dahmer (Hg.), "Leo Trotzki: Denkzettel – Politische Erfahrungen im Zeitalter der permanenten Revolution"; Suhrkamp Verlag, Frankfurt 1981, 476 S., 16,– DM

ein eindrucksvolles Bild der Größe des Mannes – des ebenso todesmutigen wie intoleranten Kämpfers, des brillanten Organisators und Publizisten, aber auch des originellen Theoretikers, dessen Beiträge über Weltkrieg und Revolution, Deutschland, Rußland und Europa, Amerika und die Kolonialwelt, aber auch über Wirtschaft und Technik, Kunst und Literatur, Wissenschaft und Philosophie immer noch Wesentliches über die Problematik unserer Gegenwart und Zukunft bis hin zur Antizipation der Entwicklung der Kernenergie aussagen. Ossip K. Flechtheim