/ Von Janusz Reiter

Danzig, Ende September

Nach den feierlichen Grußtelegrammen kam eine scharfe Rüge. Sie kam nicht von der Regierung, auch nicht von der zum Teil kritischen Presse, sondern direkt vom Volk. Die Zuhörer, die den Kongreß der "Solidarität" in Danzig draußen an den Lautsprechern verfolgten, gingen mit den Delegierten scharf ins Gericht. Die Gewerkschafter vernachlässigten, so stand es in dem Brief, der in der Olivaer Sporthalle verlesen wurde, ihre Pflichten und zeigten keine Disziplin: "Vergeßt nicht, wozu wir euch gewählt haben." Der Beifall, der nach diesen Worten ertönte, klang wie ein Schuldbekenntnis.

Wenn es Ereignisse gibt, von denen man sagen kann, daß alle Augen auf sie gerichtet sind, dann gilt das besonders für diesen Kongreß. Ob Freund oder Feind, jedermann sucht hier die Antwort auf die Frage: Was ist aus der "Unabhängigen und selbstverwalteten Gewerkschaft Solidarität" ein Jahr nach, ihrer Gründung geworden – und was wird noch aus ihr werden?

Daß sie keine typische, Gewerkschaft mehr ist, weder im westlichen noch, im östlichen Sinne, steht schon seit einiger Zeit fest. Nun erklärt sie sich in ihrem neuen Programmentwurf als "eine Organisation, die die Funktionen einer Gewerkschaft mit denen einer großen gesellschaftlichen Bewegung verbindet". Ist dies nur eine Zwischenstation auf dem Wege zur politischen Partei oder gar zur Machtübernahme, wie manche Vertreter der Regierungsseite argwöhnen, die sich durch die Zehn-Millionen-Organisation herausgefordert fühlen? Ihre Ängste mögen durchaus berechtigt sein, doch der Verdacht, der Machtkampf stehe unmittelbar bevor, besteht zu Unrecht.

Der Programmentwurf der "Solidarität" liest sich nicht wie ein Kampfaufruf gegen die Regierung. Seine Autoren kündigen auch keine Machtübernahme an. Sie tun vielmehr – was für die andere Seite noch ärgerlicher sein muß –, als ob es die Regierung gar nicht gäbe. Der Winter-Palast wird nicht erobert, er wird umgangen. So ist die Taktik zu verstehen, die darauf abzielt, einzelne Bereiche des Lebens der staatlichen Kontrolle zu entreißen. Vergesellschaftung anstatt Verstaatlichung nennen das die Theoretiker der Gewerkschaft. Sie können sich dabei sowohl auf Marx als auch auf den Papst berufen: "Man muß die Dinge in eigene Hände nehmen", heißt es in der Sprache der Basis-Vertreter.