Von Erwin Wickert

Ende 19 77 sandte die kanadische Zeitung Toronto Globe and Mail ihren jungen Ballett- und Theaterkritiker John Fraser als ständigen Korrespondenten nach Peking. Er blieb dort ein dreiviertel Jahr. In seine Zeit fiel die kurze Wandzeitungs- und Protestbewegung. Fraser war einer jener Pekinger Auslandskorrespondenten, die in dieser Zeit jeden Morgen mit ihrem Dolmetscher zur sogenannten Mauer der Demokratie gingen und dort nach möglichst sensationellen Forderungen oder Beschwerden Ausschau hielten.

John Fraser selbst schrieb auch eine Wandzeitung und klebte sie an die Mauer der Demokratie. Er gab darin den Verlust eines goldenen Ringes bekannt, ließ die Protestbewegung hochleben und teilte dem Publikum seine Adresse und Telephonnummer mit. Die Aktivisten der Protestbewegung verstanden den Hinweis richtig, und fortan klingelte bei Fraser Hinweis das Telephon. Er machte mit den Anrufern Treffs aus, die natür-

lich nicht unbeobachtet blieben und die chinesischen Informanten in Gefahr brachten. Chinesische Funktionäre warfen den Auslandskorrespondenten vor, daß sie die Protestbewegung anheizten. Die Vorwürfe waren nicht ganz von der Hand zu weisen.

Eines Abends sprach John Fraser, wie er es vorher angekündigt hatte, auch "zu den Massen" an der Mauer der Demokratie, über Dolmetscher, da er kein Chinesisch verstand. Er teilte den Massen mit, was der Vizepremier Deng Xiaoping einem Kollegen Fräsers über die Wandzeitungen gesagt hatte. Augenzeugen berichteten damals, es seien etwa zwei- bis dreitausend Chinesen gekommen, um Fraser zu hören. Fraser spricht von 10 000 oder gar 20 000 Zuhörern, die dann zum "Platz des Himmlischen Friedens" zogen. Mit Fraser natürlich. –

Seine Frau Elisabeth MacCallum schilderte später in einem Artikel, wie sich nach diesem Auftritt ihres Gatten vor den Massen ein ganz wunderbares, mit Worten schier nicht wiederzugebendes Freundschaftsverhältnis zwischen den Fräsers und dem chinesischen Volk ergab, das nun den Korrespondenten des Toronto Globe and Mail laufend wissen ließ, was in China eigentlich los war, während die anderen Korrespondenten, von den ahnungslosen Diplomaten ganz zu schweigen, den Puls der Massen nicht fühlend völlig im Dunkeln tappten. Es war, wenn man den Artikel richtig deutet, eine Schicksalsstunde nicht nur für Elisabeth MacCallum und ihren Gatten, sondern auch für das chinesische Volk. Der Artikel trug den Titel "How my husband brought democracy to China".

Doch als die Chinesen, ungeachtet der Bemühungen Fräsers, ein Jahr später die Demokratie immer noch nicht eingeführt hatten, verließ er, angewidert von den unerträglichen Fehlurteilen seiner Kollegen über die Folgsamkeit der Chinesen, das Land, und schrieb in Kanada ein Buch, das im Englischen den monumentalen Titel trägt! "The Chinese." Es ist, wie es im Untertitel heißt, "A Portrait of a People". Man sieht, der Autor hält nicht viel vom Understatement.