Von Winfried Kahlke

Die offene Auseinandersetzung mit der zunehmenden Gesundheitskrise der Gesellschaft und die Arbeit an theoretischen und praktischen Konzepten stellt herrschende Denk- und Handlungsmuster radikal in Frage und versucht, vorhandene Machtstrukturen zu überwinden", so heißt es in der Einladung zu dem vom 30. September bis 4. Oktober in Hamburg stattfindenden "Gesundheitstag 1981".

Beim Wort "Gesundheit" denkt man im allgemeinen an die Ärzte und den technischen Fortschritt in der Medizin. Nicht nur dieser Fortschritt hat sich – und nicht nur in seinen Kosten – gewaltig entwickelt, auch die Zahl der Ärzte hat in den vergangenen zwanzig Jahren um mehr als ein Drittel zugenommen. Und schließlich schluckt, im statistischen Durchschnitt, jeder Bundesbürger im Laufe seines Lebens 36 000 Tabletten.

Trotzdem: Der Gesundheit der Bevölkerung hat dies alles nichts genützt, Sterblichkeit und Krankheitshäufigkeit des "medizinisch-technisch versorgten" Bürgers blieben unverändert. Offenbar gilt auch hier, was Hans-Harald Bräutigam (vgl. DIE ZEIT Nr. 23 vom 29. Mai 1981) zum Deutschen Ärztetag schrieb: "Richtige Diagnose, falsche Therapie." Sagen wir es offen: Das Heil kann von uns Ärzten nicht kommen, solange wir so weitermachen wie bisher.

In der ärztlichen Ausbildung sind die Weichen falsch gestellt. Bekanntlich fehlt nicht nur ein klar definiertes Ausbildungsziel für den Arzt, auch die Auswahl der einzelnen Lernziele geht weniger von einer gesundheitlichen Primärversorgung aus, orientiert sich vielmehr an medizinisch-naturwissenschaftlichen Erkenntnissen. Die Medizin hat in ihrer Entwicklung ihren wissenschaftlichen Rahmen von den Naturwissenschaften erhalten und sich davon bis heute nicht gelöst. Das bei zahlreichen Fachvertretern, etwa der inneren oder operativen Medizin, auszumachende Zugeständnis an den sozialen Auftrag des ärztlichen Berufes hat nicht zu der Konsequenz geführt, in Ausbildung und Forschung die Prioritäten zwischen Natur- und Sozialwissenschaft zu verändern.

Wir alle haben uns mittlerweile an die Groteske gewöhnt, daß der angehende Arzt in seinem Studium die erste Begegnung mit dem Körper des Menschen über die Leiche im Präparierkurs der Anatomie erfährt. "Beistand für Sterbende" sucht er in den zahlreichen Fächern seines sechsjährigen Studiums bis heute vergebens. Er ahnt noch nicht einmal die Hilflosigkeit, der er sich später immer wieder ausgeliefert fühlen wird an der Seite sterbender Patienten.

Es fehlt an Vorbereitung für die Alltagsaufgaben. Ein prominenter chirurgischer Chefarzt sagte kürzlich: "Bei den fertigen Medizinstudenten ist es so: Die haben ein tolles theoretisches Wissen, aber keine Ahnung, wie ein Gips gemacht wird." Einer Befragung von Examenssemestern war zu entnehmen: 80 Prozent hatten nicht gelernt, wie man einen Knochenbruch schient oder die Blutung einer Schlagader abbindet. Karikaturen in der Tageszeitung vom gemiedenen Doktor nach neuer Approbationsordnung und dem überfüllten Wartezimmer bei der noch herkömmlich bestallten Konkurrenz mögen zwar nicht die Wahrheit treffen, signalisieren aber eine allgemein verbreitete Befürchtung der Öffentlichkeit und damit der potentiellen Patienten.