Herr Argan ist krank. Todkrank, glaubt er selber. Ein Hypochonder, meinen die lieben Verwandten. Wie krank er wirklich ist, wird man nie erfahren. Herr Argan war die letzte Rolle Molières in seiner letzten Komödie: "Der eingebildete Kranke".

Man könnte Argan spielen als tragisch Leidenden oder als komischen Schwindler oder als komplizierten, tragikomischen Charakter. Herbert Mensching, der die Rolle vor zwei Jahren in Hamburg spielte, fing sie ganz anders an: wie ein griesgrämiger Buchhalter saß er in seinem Stuhl, ging pedantisch und monoton die Liste seiner Leiden (und Arzneien) durch. Ein Drama ist die Krankheit für ihn nicht, ein Spaß schon gar nicht. Kranksein, das ist Herrn Argans Beruf – und den will er ordentlich machen.

Schauspieler, so das Vorurteil, sind interessantere Leute als "normale" Leute. So neigen sie auch dazu, das Leben in ihren Auftritten dramatischer darzustellen, als es ist.

Der Schauspieler Herbert Mensching sah nicht aus wie ein Schauspieler, schon gar nicht "interessant": ein melancholisches Durchschnittsgesicht, auf den ersten Blick seltsam alters- und ausdruckslos. Mensching gab sich auch nicht die geringste Mühe, irgendwie attraktiv und faszinierend zu wirken. Nicht über das Spektakuläre fand er Zugang zu seinen Figuren, sondern über das Alltägliche, Öde. Er verschenkte mögliche Wirkungen wie kein anderer. Und er verdarb sich Sympathien: er liebte seine Figuren, doch nie machte er sie, dem Publikum zuliebe, liebenswert. Er wir auf eine seltsam störrische Art mit ihnen solidarisch, notfalls auch gegen die Zuschauer.

Nie hätte er, wie Heinz Rühmann zum Beispiel, die mittelmäßigen Leute, die er spielte, zart und gemütvoll verklären, nie den "kleinen Mann" als den wahren Helden feiern können. Bürger Mensching blieb eine Zumutung. Das Enge, Pedantische seiner Figuren hat er nie unterschlagen: den verbitterten Stieber bei Büchners Robespierre, den faden Clown und Querulanten bei Tschechows Onkel Vanja, den kleinbürgerlichen Karrieremacher bei Brechts Arturo Ui.

Zum Fürchten sah er nicht aus, nachgerade liebenswert auch nicht. Und dennoch war er (sein Widerspruch, unser Glück) ein Schauspieler, den man fürchten und in den man sich verlieben mußte. Er hatte eine Kraft zum Unheimlichen – ohne die wäre er nur ein guter, nie ein großer Schauspieler gewesen.

Denn so gern er sich Figuren näherte, indem er Wirkungen übersah, Eigenheiten verschwieg, Originalität mied, ein langsamer, zögernder, fast sturer Arbeiter – so jäh machte und offenbarte er plötzlich seine Entdeckungen. Er war ein puritanischer Schauspieler und hatte (kein Widerspruch, sondern Logik) einen Sinn und Instinkt für Abgründe und Exzesse. Man konnte, ihm zusehend, tief erschrecken: wie da unvermittelt, katastrophenhaft, aus einem mittleren Schauspieler mittlerer Menschen ein extremer Darsteller verzweifelter, verzweifelt liebender, verzweiflungsvoll lustiger Figuren wurde. Ordentliche Obergänge, klare psychologische Entwicklungen sah man bei Mensching nicht, sondern steile Aufschwünge, tiefe Abstürze; ein Zwischenreich zwischen Alltäglichkeit und Panik, irgendeine mittlere Theaterleidenschaftlichkeit, gab es bei ihm nicht.