Von Hans Jakob Ginsburg

Jever

Das friesische Jever hat gut 12000 Einwohner, eine renommierte Bierbrauerei, ein traditionsreiches Gymnasium und eine Tageszeitung – das Jeversche Wochenblatt. Nach Meinung dieser Zeitung hat Jever außerdem eine “Judenfrage“, die sich aber durch Totschweigen lösen ließe: „In eigener Sache möchten wir unsere Leser heute bitten, zum Thema Judenfrage in Jever von Zuschriften abzusehen. Wir möchten – ob pro oder contra – auf die jüngsten Ereignisse nicht näher eingehen, um dem Ruf unserer Stadt nicht noch mehr zu schaden“ (Jeversches Wochenblatt im Juli dieses Jahres).

Die „Judenfrage in Jever“ besteht aus einer Person. Vor 1933 hatte Jever eine große jüdische Gemeinde. Heute ist der 80jährige Friedrich Levy der einzige Jude in der Stadt. Wochenblatt-Chefredakteur Blume in einem Rundfunkinterview: „In Jever kennt jeder Herrn Levy, und wir waren der Meinung, daß es auch gerade im Interesse von Herrn Levy sein sollte, wenn die Judenfrage’ in den Leserbriefen nicht mehr behandelt werden, sollte.“

Blum es Redaktion hat es mit den Interessen von Fritz Levy nicht immer so genau genommen: Nach einem nächtlichen Brand in Levys Wohnung präsentierte die Zeitung ihren Lesern ein großformatiges Photo des alten Mannes in Unterwäsche. Für eine hämische Bemerkung über Levy war sich das Blatt nie zu schade.

Seit dem 27. September ist das Ärgernis ein Politikum. Mit mehr Stimmen als alle anderen Kandidaten wurde Levy in den Stadtrat gewählt. Als ältester der 31 Ratsherren darf der Einzelbewerber in ein paar Wochen das neue Stadtparlament eröffnen und die Wahl des Bürgermeisters leiten. Die Oldenburger Nordwest-Zeitung über die Furcht der friesischen Kommunalpolitiker vor diesem Ereignis: „Ein kluger Kopf steckt hinter wirren Gedanken, das läßt sich nicht leugnen. Doch selten gelingt es Fritz Levy, sich zu artikulieren, und wenn, dann bestimmt nicht nach den Regeln der Geschäftsordnung!“

Plattdeutsch muß man schon verstehen, wenn man das Gespräch mit Levy sucht. Und Geduld muß man haben mit einem alten, unkonzentrierten Mann mit schlechtem Gebiß und wunderlichen Verhaltensweisen. Am Revers seines schäbigen grünen Sakkos trägt er ein Button der Rock-Gruppe „Kiss“, „Nur aus Spaß, andere saufen, ich mach so was. Ist das schlimm?“ Die Füße stecken in uralten Pantoffeln, einer ist unbestrumpft. „Barfuß vor dem Richter“ hatte das Wochenblatt im Sommer eine dumm-vergnügte Gerichtsreportage überschrieben: Levy war wegen Beleidigung angeklagt, weil er Jeversche Bürger „Judenvernichter“ und „Nazischweine“ genannt hatte. Der medizinische Gutachter konstatierte bei Levy einen „paranoiden Einschlag und zeitweilige Verwirrungszustände“. Die Reaktionen einiger Mitbürger („Fritz, dich haben sie vergessen zu vergasen“) hatten kein gerichtliches Nachspiel;