Abwesenheit – Seite 1

Von Hans-Jürgen Heise

Mit ihm hätte die DDR endlich einmal gehabt, was sie für die Glaubwürdigkeit ihrer. Kulturpolitik so dringend benötigt; einen schreibenden Arbeiter. Wolfgang Hilbigs Ursprünge, seine Herkunft aus dem sächsischen# Braunkohlenrevier und seine Abstammung von einer Bergmannsfamilie, hätten ihn ebenso sehr zu einem Vorzeigepoeten machen können wie sein weiterer Lebenslauf, dessen Stationen sich so anhören: 1941 in der sächsischen Kleinstadt Meuselwitz geboren, Volksschule, Schreibversuche schon in der Kindheit, Lehre als Bohrwerksdreher, Pflichtwehrdienst.

Hier freilich bekommt die Proletarierkarriere bereits einen leichten Knick, doch nicht nach oben, sondern – was zweifellos auf Schwierigkeiten mit den Kulturbehörden und auch mit dem persönlichen Staatsverständnis schließen läßt – nach unten. Hilbig wechselt nun häufig seine Stellungen, und was er im einzelnen tut, sieht immer mehr nach Gelegenheitsarbeit und sozialem Abstieg als nach freier beruflicher Entfaltung aus, bis er schließlich als Hilfsschlosser auf einer LPG landet, um dann als "Abräumer in einer Ausflugsgaststätte" tätig zu sein.

Die Gedichte Hilbigs, Texte aus der Zeitspanne von 1965–1977, geben eine Vorstellung von einer literarischen und geistigen Entwicklung, die nicht zu trennen ist von der politischen Situation des Landes, in dem sie entstanden: "laßt mich doch / laßt mich in kalte fremden gehn / / zu hause / sink ich / in diesen warmen klebrigen brei", so beginnt ein Gedicht aus dem Jahre 1965, das der Autor an den Anfang seiner Sammlung gestellt hat –

Wolfgang Hilbig: "abwesenheit", Gedichte; fischer-collection 2308, S. Fischer Verlag, Frankfurt; 88 S., 9,80 DM.

Das Begehren, andere Teile der Welt kennenzulernen, ist die Folge des Gefühls, das in einem gleichfalls frühen Poem so beschrieben wird: ihr habt mir ein haus gebaut / laßt mich ein andres anfangen ... / ihr habt mir einen weg gebahnt / ich schlag mich / durchs gestrüpp seitlich des wegs. / / sagtet ihr man soll allein gehn / würd ich gehn / mit euch."

Hilbig, der sich eingezwängt sieht, kommt aus "ratlosigkeit" dazu, "gegen den strom" zu schwimmen. Und es stellt sich ein Gefühl der Entfremdung ein, zu dem noch metaphysische Bedürfnisse, ein Interesse am Religiösen, kommen.

Abwesenheit – Seite 2

Der Autor, der auch als Lyriker stolz seinen proletarischen Stammbaum vorzeigt, ist gerade wegen seiner Zugehörigkeit zur Arbeiterklasse nicht willens, sich ein normatives Weltbild verordnen zu lassen; Vielmehr besteht er darauf,-all seine Stimmungslagen zum Ausdruck zu bringen und auch von der Trauer und der Angst zu spreeben. Dieser Poet, der Robert Creely zitiert, Lautreamont paraphrasiert und sich das ihm wesensverwandte Pathos Nerudas zunutze macht, ist ein Werktätiger, der, selber im Sozialismus beheimatet, nun noch andere und viel komplexere Fragen stellt als Brechts lesender Arbeiter seinerzeit im Kapitalismus,

Hilbig meldet ein Recht auf Empfindungen an, die sich nicht verstaatlichen und enteignen lassen – schon gar nicht, wenn es sich um die Empfindungen eines Unterprivilegierten handelt, der aus einer Familie Unterprivilegierten stammt: "als in galizien das Währungssystem eingeführt wurde / kam mein großvater des lesens und schreibens unkundig / ... / hierher grub nach schwarzer sächsischer kohle fürs abendland / ... / großvater kaufte (von seinem kohlegeld) / einen wüsten garten am tagebau und die gewichte sie / werfen ihren schatten im gelben licht / der sonne die durchs fenster bricht..."

Hilbig ist am besten, wo er sein rhetorisches Ungestüm zum Beredtmachen von Dingen einsetzt, die konkret sind und die er selber genau kennt. Mit "die gewichte" und "das meer in sachsen", zwei 1977 entstandenen Arbeiten, hat er die bisher überzeugendsten Proben seines Talents gegeben, das sich von den lakonisch-trockenen Stücken des Beginns über expressionistisch überhitzte Poeme und Experimente mit der Sonettform vorangetastet hat, stets im Konflikt mit der Kulturobrigkeit, die sich ihrerseits etwas anderes wünschte als die Aufsässigkeit eines begabten Proletariers, der formulierte: "eine Partikel poesie / ist ein selbständiges Subjekt".