Von Karl-Heinz Wocker

Blackpool, im Oktober

Margaret Thatcher hat bereits einige Spitznamen hinter sich gebracht. Ihr neuester lautet TINA. Das sind die Anfangsbuchstaben ihres Dauer-Slogans „There is no alternative“ – womit sie sagen will, jede andere Politik wäre noch verheerender. Denn daß auch ihre Politik nicht mehr der Weisheit letzter Schluß ist, bestätigen ihr derzeit die eigenen Anhänger in Pamphleten (14 junge Tory-Abgeordnete), Leserbriefen (vier altgediente Abgeordnete in der Times), Fernsehinterviews (Edward Heath) oder Umfragen. Nur noch 35 Prozent der potentiellen Wähler ihrer Partei glauben an einen Sieg beim nächsten Urnengang. „Tina“ sitzt zwar in optimistischem Blau auf der Parteitagstribüne, aber alles ist doch nicht mehr so, wie es früher war, Ehemann Dennis zum Beispiel, der ehemalige Mini-Onassis des englischen Ölgeschäftes, wurde am Eröffnungstag den öffentlichen Blicken vorenthalten. Steine Skandale tragen nicht länger zum Ruhme der Chefin bei.

Wenn auch ihre Anhänger draußen begonnen haben, die nächsten Wahlen abzuschreiben, so sind sie dennoch nicht überzeugt, Frau Thatchers Weg sei der falsche. Immerhin 43 Prozent finden ihn begehbar, 20 Prozent verlangen sogar eine schärfere Gangart, also noch mehr Haushaltskürzungen (was schert schon einen Privatversicherten der Abbau der Gesundheitszuschüsse), noch höhere Zinssätze (wie kann man sein Bankkonto schneller aufstocken?) und eine Beschleunigung der Schlittenfahrt mit den Gewerkschaften. Der rechtsstehende Montags-Club hat soeben ein „Repatriierungs-Programm“ veröffentlicht, das die Probleme der Farbigen-Gettos lösen soll? jedem Heimkehrwilligen 6000 Pfund auf die Hand, etwa 25 000 Mark. Der geschaßte Londoner Playboy-Chef, für das Wohlergehen des Landes nicht halb so nützlich wie all die indischen Ärzte und karibischen U-Bahn-Fahrer, bekam eine Million Dollar.

Die Frau, deren Politik wie keine andere – die künftige eines Linkspremierministers Benn immer ausgenommen – für die Polarisierung des Landes gesorgt hat, begann das Parteitreffen in Blackpool mit ihrem 56. Geburtstag. Blumen lagen vor ihr auf der Tribüne. Im Saal rätselte das Delegiertenvolk, das hier nichts zu entscheiden, sondern nur alles zu diskutieren hat, wie wohl der plötzlich aufgeflammte Theorienstreit zwischen „Tina“ und ihrem Vorgänger Ted ausgehen werde. Edward Heath hat sich zum Sprecher der Unzufriedenen gemacht. Er glaubt, die Nachfolgerin führe England in den Abgrund; allerdings will er nicht selbst gegen Frau Thatcher kandidieren, wenn die Fraktion bei der nächsten Parlamentssitzung die übliche Führungsfrage stellt. Daran tut er gut; sein Anhang reicht wohl nicht aus für eine erfolgreiche persönliche Revolte,

Aber es droht nunmehr ja auch eher ein kollektiver Aufstand. Die junge Garde, mit „Tina“ 1979 ins Parlament gekommen, fürchtet ein frühes Ende ihrer politischen Laufbahn, wenn Firmenbankrotte, Massenarbeitslosigkeit – nächste Woche wird die Drei-Millionen-Grenze überschritten sein – und Hochzinsen jede wirtschaftliche Erholung vor den nächsten Wahlen zunichte machen. Sie haben alles, Frau Thatcher hat nichts zu verlieren. Sie kann nur durch unbeirrte Konsequenz gewinnen.

Zum Auftakt des Parteitages hat ihr das BBC-Fernsehen in einer sorgfältig recherchierten Fallstudie vorgehalten, daß von allen Wählern, die 1979 zu den Konservativen überliefen und Margaret Thatchers Sieg ermöglichten, inzwischen nur noch sechs Prozent den damaligen Entschluß nicht bereuen, Rund 50 Prozent dagegen sind entschlossen, die neue Allianz aus Sozialdemokraten und Liberalen zu wählen. Deren fester Blick auf die abwandernde Rechte scheint in die erfolgversprechende Richtung zu gehen. Es wundert also nicht, wenn die SDP-Mehrheit dazu tendiert, Roy Jenkins auf dem Schild zu haben. Er ist für die unzufriedenen Konservativen wählbarer als Shirley Williams, die den linken Flügel der neuen Allianz verkörpert, wenn auch wahrscheinlich durch nichts anderes als ihre Entschlossenheit, die Bildungsprivilegien der Oberschicht zu brechen. Das von den Tony Benns und den Margaret Thatchers in seinen Klassenkampfpositionen bestärkte Land sieht allein in einer solchen politischen Haltung schon den Beweis für linke Radikalität.