Von Hans Krieger

Daß der Mensch glücklich sei, ist im Schöpfungsplan nicht vorgesehen“‚ befand Sigmund Freud, und der Anschein gibt ihm mehr als recht. Wir sind froh, wenn das Unglück sich in Grenzen hält, Komfort und ein Minimum von Behagen gewahrt bleiben; wir plagen uns mit Sorgen und Ängsten, jagen Zielen nach, die uns leer lassen, wenn sie erreicht sind, überdecken ein fades Unbehagen mit Zerstreuungen. Eine tiefere Glückserfahrung kennen einige als seltenen Ausnahmezustand.

„Auf der Suche nach dem verlorenen Glück“ – das scheint etwas für unverbesserliche Träumer. Sich schicken in lustlose Realität gilt als Kriterium der Reife. Wir sind vernünftig – wie vernünftig, lehrt der tägliche Blick in die Zeitung: Abrüstung durch Aufrüstung, verseuchte Meere, vergiftete Nahrung, blindes Zutrauen in die Beherrschbarkeit des „Restrisikos“. Wir sind nicht glücklich, und wir sind nicht sonderlich vernünftig.

„Auf der Suche nach dem verlorenen Glück“ hat die Autorin Jean Liedloff ihr Buch nicht selber genannt. Es heißt nur in der deutschen Übersetzung so, aber der Titel trifft schon etwas Richtiges. Als sie, blutjung noch, auszog in die Urwälder des Amazonas, suchte sie Diamanten und wohl etwas Abenteuer. Ihr Instinkt suchte etwas anderes. Sie nennt es „Richtigkeit“: das Gefühl einer tiefen Übereinstimmung mit dem Sein. Was sie unter den von der Ausrottung bedrohten Indianern fand, war ein Stamm, der zu leben scheint, was uns versagt ist: ein Leben ohne Angst und Entfremdung, ohne Wettstreit und Aggression, ein Leben ungebrochener Daseinslust, des Friedens mit sich und den anderen. Wenn wir unter Glück nicht euphorischen Überschwang verstehen, sondern ruhige Freude am erfüllten Augenblick, dann sind die Yequana offenbar glückliche Menschen.

Ihre Kategorien sind auf verwirrende Weise anders. Was der Amerikanerin Plackerei scheint, die man des Zweckes wegen zähneknirschend auf sich nimmt – den Wassergang etwa, mehrmals täglich über einen glitschigen Steilhang zum weit entfernten Bach, wobei die Frauen ihre Babys mit sich trugen, oder das Schleppen der schweren Einbäume über gefährliche Stromschnellen – genießen sie als ein Stück Leben. Den Begriff Arbeit kennen sie nicht; sie haben Bezeichnungen für die verschiedensten Tätigkeiten, aber kein Wort, das die von harter Notwendigkeit diktierten von den lustbetonten Beschäftigungen abhebt. Langeweile monotoner Verrichtungen zu ertragen, halten sie nicht für eine sozial nützliche Tugend; größere Arbeiten wie das Decken einer Hütte mit Palmblättern organisieren sie gemeinsam so, daß kein einzelner länger an der Arbeit bleiben muß, als er Freude daran hat. Feststimmung ist ihre Alltagsnorm.

Unschuld des Kindheitszustandes im Lustprinzip? Die Sozialität ist hochentwickelt, gegründet auf Vertrauen und unbedingten Respekt vor dem Willen und der Würde des anderen. Kein Druck, kein Zwang, keine Manipulation – und keine Notwendigkeit zum Streit; keine abfälligen Urteile über persönliche Eigenheiten, Toleranz auch für ungewöhnliches Verhalten. Auch Kindern gegenüber gilt dieser Respekt. Eine aktive Erziehung in unserem Sinne erhalten sie kaum; sie lernen selbsttätig durch Beobachtung und Imitation. Auf eine ihrer Reisen hatte Jean Liedloff einen neun- oder zehnjährigen Knaben mitgenommen; als es mit den Yequana-Männern zu Unstimmigkeiten kam und diese die Rückkehr ins Dorf beschlossen, forderten sie auch den Knaben zum Mitkommen auf. Ein einfaches sanftes Nein genügte; sein Wille wurde respektiert. Man traute ihm die Urteilskraft zu, selber zu entscheiden, ob er eine Fremde auf einer langwierigen und gefährlichen Flußfahrt begleiten konnte, und in der Tat bewährte er sich glänzend.

Yequana-Kinder sind sehr früh außerordentlich selbständig. Zweijährige schießen mit Pfeil und Bogen – mit scharfen Pfeilen – und steuern äußerst geschickt Kanus auf den gefahrenreichen Flüssen. Säuglinge im Krabbelalter spielen kaum beaufsichtigt am Rand von Abgründen, ohne hineinzustürzen, hantieren mit rasierklingenscharfen Messern und anderen gefährlichen Gegenständen, ohne sich oder ihre Mütter zu verletzen. Das Vertrauen auf die Verläßlichkeit angeborener Selbstschutzinstinkte scheint sich zu bewähren und wirksamer zu sein als jede ängstliche Aufsicht, die ja immer die Erwartung enthält, daß etwas passieren wird, und damit eine verdeckte Aufforderung, die von den Kindern verstanden und befolgt wird. Unfälle jedenfalls sind nach Liedloffs Schilderung unter Yequana-Kindern ungleich seltener als unter den sorgsam behüteten Kindern der Zivilisation. Kommt es aber doch zu Verletzungen, so gibt es keine dramatischen Szenen. Selbst sehr kleine Kinder kamen mit schlimmen Schnittwunden selbständig zu Jean Liedloff, ohne über die Wundversorgung hinaus Mitleid oder Trost zu beanspruchen. Ist der Schmerz aber unerträglich, darf auch ein größeres Kind und selbst ein Erwachsener ungehemmt weinen und schreien und mütterliche Zuwendung suchen, ohne sich schämen zu müssen.