Von Götz Bergander

Obwohl halb verdeckt von einem Kameraden, ist er doch zu erkennen, und weiß man erst einmal, um wen es sich handelt, ist die Ähnlichkeit mit dem Erwachsenen unbestreitbar: Gerhard Stoltenberg als Marinehelfer in Neufelderkoog bei der 4. Batterie/Marineflakabteilung 274. Der Marinehelfer von einst ist Ministerpräsident von Schleswig-Holstein. Vielleicht hat auch er damals sorgenvolle Seufzer seiner Lehrer gehört: Jungs, was soll nur aus euch mal werden! Aber aus vielen „Jungs“ der Jahrgänge 1926–1928 ist „was geworden“: aus dem Luftwaffenhelfer Hans-Dietrich Genscher zum Beispiel ein Bundesaußenminister und Parteivorsitzender, aus dem Marinehelfer Altenberg ein General der Bundeswehr; „was geworden“ ist auch aus den Luftwaffenhelfern Horst Ehmke, Matthias Walden, Günter Grass, Walter Giller. Und so weiter und so fort.

Sie sind heute Mitte fünfzig. Irgendwie haben die meisten von ihnen den Anschluß gefunden. Nun hat einer von ihnen den Versuch unternommen, ihr Schicksal zu erforschen und für die Zeitgeschichte festzuhalten:

Hans-Dietrich Nicolaisen: „Die Flakhelfer. Luftwaffenhelfer und Marinehelfer im Zweiten Weltkrieg“; Verlag Ullstein, Berlin/Frankfurt/M./Wien 1981; 304 S., 36,– DM.

Im Nachwort seines Buches erinnert der Autor daran, daß viele Flakhelfer durch Bomben oder gegen Kriegsende im Erdkampf gefallen sind, daß viele verwundet wurden und oft genug gesundheitliche Schäden fürs ganze Leben behalten haben. Nicolaisen, Studiendirektor in Büsum, schreibt weiter, auch der Verlust an Ausbildungs- und Schuljahren schlage zu Buch; denn diese Generation der mittleren und höheren Schüler habe ja zusätzlich zu ihrer eigentlichen Soldatenzeit noch Zeit verloren, „die man mit Sinnvollerem als Schießen hätte verbringen können. Nach dem Krieg gab es dann für die Übriggebliebenen an den Schulen Sonderkurse, die schneller zum Abitur führen sollten ... Für die Überlebenden ist deshalb... jene Flakhelferzeit keineswegs bloß eine Erinnerung. Sie hat auf das Leben eingewirkt“.

Hans-Dietrich Nicolaisen war selbst Luftwaffenhelfer. Auf einem Photo sieht man ein angestrengtes Kindergesicht: der Verfasser als Kanonier in Wietstock bei Ludwigsfelde am 6. April 1945. Es hat ihn also beschäftigt, so lange Jahre. Er begann zu suchen, zu sammeln, Fragebogen zu verschicken. Das Unternehmen wuchs sich aus. Ursprünglich ging es ihm um eine umfassende Darstellung und Dokumentation des Einsatzes der Luftwaffen- und Marinehelfer in Nord- und Nordostdeutschland, in der sämtliche wichtigen Erlasse und Verfügungen abgedruckt sind. Außerdem wollte er alle Schulen in diesem Gebiet erfassen, die damals Flakhelfer abgestellt hatten. Für dieses Werk fand Nicolaisen jedoch keinen Verlag. Er will es nun im Selbstverlag herausbringen.

Der vorliegende Band ist ein Extrakt aus dieser Arbeit. Ein sehr sachliches Sachbuch. Keine späte Heldenpose, keine heimliche Verklärung nach dem Motto „Aber tolle Kerle war’n wir doch!“, keine Sentimentalität. Aber auch nicht nachträgliche Rechtfertigungsversuche, daß im Grunde alle dagegen waren und nur unlustig an den Kanonen kurbelten. Gewiß, Anti-Nazis gab es unter den Gymnasiasten und Oberrealschülern auch, aber sie waren mit der Lupe zu suchen. Das heißt wiederum nicht, daß alle anderen begeisterte Jungnazis waren. Die Bewußtseinslage war differenzierter.