Die erste Frau hinter der Kamera – Seite 1

Bis Anfang der 70er Jahre ist sie vergessen, ihre Filme werden zum Teil anderen zugeschrieben, zum Teil sind sie verschollen. Alice Guy, der zweite Mensch, die erste Frau, die Filme mit Spielhandlung machte – die filmhistorische Variante der Schöpfungsgeschichte. Wäre der Film "La Fée aux choux ou la naissance des enfants", die französische Variante des Märchens vom Klapperstorch – eine Fee zaubert (mit Hilfe des Stopptricks) Babys aus Kohlköpfen hervor – 1896 entstanden, hätte Alice Guy und nicht Meliès mit seiner "Reise zum Mond" den fiktionalen Film erfunden. Aber das Geburtsdatum der Kohlkopfbabys ist umstritten.

Dieses Buch ist weder geschwätzig eitle Künstlerbiographie noch Arbeitsjournal, vielmehr assoziativ geordnete Erinnerung, bedächtig zu Papier gebracht, mit Kommentaren und Wertungen untermischte Fakten und etwas betulich erzählten Anekdoten. Eine Filmographie und ein ausführlicher Anmerkungsapparat der französischen Herausgeberinnen Nicole-Lise Bernheim und Claire Clouzot machen die Einzelinformationen zur frühen Ateliergeschichte, zum Selbstbild der Filmerin und zum Bild des Publikums, zum Kommerzdenken und den rüden Geschäftspraktiken des frühen Films zu einer lesbaren filmgeschichtlichen Quelle.

In jener frühesten Zeit werden Filme als Demonstrationsmaterial gebraucht, um Projektionsapparate und Filmkameras zu verkaufen. Nur deshalb gibt die Firma Gaumont der Sekretärin "Mademoiselle Alice" die Chance zu filmen. Die ehemalige Klosterschülerin weiß genau, worüber sich das Publikum der Jahrmarktkinos vor Lachen kugelt, vor Geilheit auf die Schenkel schlägt oder entsetzlich gruselt. Sie mischt sich inkognito unter die Leute und trimmt ihre Produktionen auf Massengeschmack; später in Amerika ebenso wie zuvor in Frankreich. Film als Ware, für Alice Guy ist er nie etwas anderes gewesen. Die Kritik an ihren amerikanischen Melodramen fertigt sie mit dem Merksatz ab: "Die Berater sind nicht die Bezahlen"

Zwischen 1896 und 1907 inszeniert und arrangiert sie für Gaumont in Paris nicht weniger als 400 Filme! Das Kino dieser Zeit vereinnahmt, was an populären Stoffen und Darstellungsformen auf dem Markt kursiert. Kein Medium, das nicht als Filmvorlage taugte: Grand-Guignol-Theaternummern werden ebenso wie Szenen aus Gesellschaftsromanen, Witzpostkarten oder Zeichnungen aus "dem Leben Jesu" zur Filmattraktion. So führt der Katalog 1906/7 neben "Geschlossene Lippen" die Groteske "Ich habe einen Maikäfer in der Hose", neben dem "Gewissen eines Priesters" die Komödie "Die Wahrheit über den Affenmenschen", neben dem "Heldenmut eines Jungen" die "Beschwipste Matratze".

1907 folgt die erfolgreiche Filmemacherin ihrem Mann Herbert Blaché nach Amerika, als Gaumont ihm dort die Leitung einer Filiale anbietet. In New York gründet sie dann 1910 ihre eigene Firma, die "Solax". Als ein paar Jahre später der Vertrag ihres Mannes ausläuft, nimmt sie ihn in ihre Firma auf: als Chef. "Mit Freude überließ ich ihm die Zügel. Ich nahm an keiner der Versammlungen des Verwaltungsrates teil, ich würde, wie Herbert sagte, die Männer durch meine Anwesenheit daran hindern, in Ruhe ihre Zigarren zu rauchen und ihr ungezwungenes Gebaren während der Geschäftsbesprechungen unterbinden Als Vizepräsidentin der Firma beschränkt sie sich aufs Filmen, bedient unermüdlich alle Genres: Western- und Militärfilme, Melodramen, Grotesken, Roman- und Drama-Adaptionen. Sie arbeitet mit menschenfressenden Ratten und Tigern, sprengt Schiffe und Autos in die Luft; Filmsensationen als sensationelle Kassenerfolge. Ihr Regiestil, weibliche Einfühlung statt Feldherrengebrüll, macht sie besonders effektiv und nicht etwa männlichen Regiekollegen unterlegen.

Die Biografie der Alice Guy (1863–1968) endet filmographisch schon 1920, als ihre Firma bankrott und ihre Ehe geschieden ist, sie mit ihren Kindern nach Frankreich zurückkehrt. Um 1950 erst schreibt sie dieses Buch und 1976, fast ein Jahrzehnt nach ihrem Tod, erscheint es in Frankreich und jetzt in deutscher Sprache. Ich habe nur wenige frühe Grotesken von Alice Guy, die im Bunker der Deutschen Kinemathek, Berlin, lagern, sehen können. Herauszufinden wäre, ob sich in ihren Filmen nicht möglicherweise – mitten in der patriarchalen Rollenzuweisung – frauenspezifische Wahrnehmung als Widerspruch abzeichnet. Fürs erste sollten Filmgeschichten und Handbücher Werk und Namen der Alice Guy überhaupt vermerken, die fragwürdige Kanonbildung, positiver Ausdruck von Vergeßlichkeit, überprüfen.

Alice Guy drehte 1920 ihren letzten Film. Titel: "Der geschädigte Ruf".

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Uta Berg-Ganschow

Alice Guy: "Autobiografie einer Filmpionierin", aus dem Französischen von Helma Schleif; tende, Münster, 1980; 219 S., 24,80 DM.