Herr Frangopoulos, Sie haben während der Junta-Zeit verschiedentlich über die damalige Situation der griechischen Literatur und ihrer Produzenten geschrieben. Wie würde eine solche Zustandsbeschreibung aus Ihrer Sicht heute aussehen?

Die erste Tatsache, die unterstrichen werden muß, ist die, daß wir heute eine fast totale Freiheit des Ausdrucks und der literarischen Produktion haben und eine ebenso totale Freiheit der politischen Betätigung. Nach dem Sturz der Junta gab es ein starkes Interesse der Jugend für das politische Buch, denn die Jugend – nicht nur die heutige, sondern auch die meiner Generation – hatte bis dato nie die Gelegenheit, zum Beispiel einen Marx auf griechisch zu lesen, weil die gesamte marxistische Literatur bis dahin verboten war. Während der ersten zwei, drei Jahre war der Büchermarkt daher von der marxistischen und paramarxistischen Literatur geradezu überschwemmt. Es gab alles von Bettelheim bis Glucksmann, was völlig neu und bis dahin nie gesehen worden war. Heute ist man wieder mehr interessiert an schöner Literatur, aber auch hier muß man zugeben, daß die ausländische Literatur für unsere Jugend interessanter ist als die einheimische. Das mag auch daran liegen, daß die Schriftsteller unseres Landes noch nicht reif genug sind, etwas über die Juntazeit zu schreiben, was mehr wäre als Memoirenliteratur. Wir haben Bücher über die Teilnahme am heutigen Widerstand wie am damaligen Widerstand gegen die deutsche Okkupation, die nebenbei auch tabu war, aber wir haben noch nicht das Werk über den Widerstand oder die Okkupation. Das ist das eine: die Freiheit, die noch nicht ausgenutzt wurde. Das zweite ist, daß wir mehr oder weniger an einem Punkt sind, wo wir das Alte zwar verlassen, aber das Neue noch nicht erreicht haben. Das dritte ist eine enorme Politisierung unseres Lebens. Das rührt daher, daß die Linke zum erstenmal in ihrer Geschichte das freie Wort hat, und sie hat soviel zu sagen nach vierzig Jahren Unterdrückung, daß sie sich beeilt, alles auf einmal zu sagen. Das schafft eine Inflation linker Literatur. Das vierte: es ist heute ein Schimpfwort geworden, rechts zu sein in Griechenland. Jeder bemüht sich progressistisch zu erscheinen, was eine Art Tarnung oder Mystifikation in die Literatur hineinträgt.

Hat sich Ihrer Meinung nach in den vergangenen Jahren Wesentliches an der Rolle der Literatur und der Literaten, ihrer sozialen und öffentlichen Stellung oder gar Wirkung verändert?

Die Literatur in Griechenland war immer eine Randerscheinung, und sie wurde auch immer als Randerscheinung empfunden und toleriert. Während der Junta aber, als keine andere Stimme zu hören war, hat die griechische Literatur zum erstenmal in ihrer Geschichte eine soziale Rolle gefunden. Weil das ganze Land schwieg, wurde auch die kleinste literarische Stimme, hellhörig aufgenommen. Das ist heute nicht mehr der Fall. Der Widerhall der Freiheit ist heute so groß, daß die Literatur nicht mehr im Vordergrund steht.

Welche Themen, Tendenzen in der griechischen Literatur würden Sie augenblicklich als vorherrschend betrachten? Oder anders gefragt: sind die sieben Jahre Junta – als Literaturepoche gesehen – ein Abschnitt und die letzten sieben Jahre eine weitere Zäsur?

Ich sehe die heutige Literaturproduktion als eine Epoche der Memoirenliteratur. Ein jeder legt Zeugnis darüber ab, was er gesehen und erlebt hat, was er weiß. Weniger über die Zeit der Junta als über die Jahre der Okkupation und des Widerstandes im und nach dem Zweiten. Weltkrieg, was wie gesagt bislang tabu war. Die jungen Leute experimentieren eher, während die Alten in der alten Schreibart schreiben. Die in den fünfziger Jahren Prosa oder Lyrik schrieben, schreiben auch heute noch, so daß die literarische Jugend von heute mehr oder weniger erstickt, weil die anderen es immer noch nicht geschafft haben, all das zu sagen, was sie sagen wollten. Damals herrschte die Zensur und der Abscheu vor dem Bürgerkrieg. Deswegen behaupte ich, daß die Tendenzen und die Thematik der heutigen griechischen Literatur in den vierziger und fünfziger Jahren angesiedelt sind. Und was die Schreibart, den Stil selbst betrifft, sehe ich sehr wenig Erneuerung.