Mir seinem ersten Roman „Hunger“ (1890) hält sich der Norweger Knut Hamsun sogleich im deutschen Sprachbereich unvergeßlich profiliert. Der deutsche Leser hat jetzt Gelegenheit, den frühen Hamsun der achtziger Jahre in einer bemerkenswerten gesellschaftskritischen Studie kennenzulernen, an der Hamsun 1888 neben „Hunger“ schrieb, die 1889 im Druck erschien (norwegische Neuausgabe: Oslo, 1962), deren deutsche Erstausgabe ein neues Licht auf den jungen Mann und seine Ansichten wirft –

Knut Hamsun: „Amerika – Kritische Schriften“, herausgegeben von Tore Hamsun, aus dem Norwegischen von Jutta und Theodor Knust; Verlag Langen Müller, München, 1981; 243 S., 25,– DM.

Nach zwei Amerika-Aufenthalten (1882–84, 1886–88), die er mit den Hoffnungen eines werdenden Schriftstellers antrat und unter harten Bedingungen als Straßen- und Erntearbeiter, als Straßenbahnschaffner und Journalist durchhielt, zieht Hamsun hier die Summe seiner Erfahrungen mit dem „Geistesleben des modernen Amerika“. Er, den zu jener Zeit „die Poesie der Nerven, die Brüche der Gedanken, die vagen Mimosen der Gefühle“ interessierten, sieht sich in Amerika einer gänzlich andersartigen „Gesellschaft im Werden“ gegenüber, deren selbstzufriedener Patriotismus dem Fremden als Anmaßung fühlbar wird, die bloß auf Konsum gerichtet ist und für die das Geld Trumpf ist. „Alles ist Geschäft, Humbug und Ungeist.“ So setzt er an zu einem vehementen polemischen Verriß Amerikas, der mit dem Scharfblick des Intellektuellen (Hamsun 1892: „Ich bin weit mehr Gehirnmensch als Poet“) auch eine literarische Absicht verbindet: Er will provozieren, gegen das gängige Amerika-Bild der skandinavischen Zeitungen Opposition machen, einer gegen alle. Klar sehend nennt er das Buch 1889 noch vor Erscheinen „durch und durch subjektiv ... Aber kann ich den Leuten in ihre Schädel einhämmern, daß ich literarische Kraft habe, bin ich gleichwohl zufrieden.“

Zu den glänzendsten Partien des Buches gehört die Charakteristik der amerikanischen Journalistik, der Zeitungen, die durchweg Boulevardblätter sind und das Konsumbedürfnis ihres Publikums mit Revolverjournalismus, Reklame, Stadtklatsch und lokalen Neuigkeiten befriedigen; dem Realisten bieten sie eine unvergleichliche Wirklichkeitsfülle: „So wenig intelligent, so grob ... die amerikanische Journalistik auch auftritt, sie ist dennoch der genaueste Ausdruck für das Gesellschaftsleben des Landes, für die Interessen und Vorstellungen des Volkes, was weit mehr ist, als man von der übrigen Literatur Amerikas ... sagen kann.“

Hamsun fragt nach der geistigen Elite Amerikas. Er sieht das Land überschwemmt von Menschenmassen einer Welt, Leuten aller Rassen und Zungen, guten Leuten ohne Zahl ...“ Er stellt fest: „Und keine adlige Seele.“ Dieses Wort konnte von Ibsens Pfarrer Johannes Rosmer auf Rosmersholm stammen. Hat Ibsens Ruf nach einem neuen Geistesadel, mit dem er schon 1882 im Gegensatz zu Björnson trat, den jungen Hamsun trotz aller späteren Polemik gegen Ibsen mitgeprägt?

Als Gegenstück zu der streitbaren Jugendschrift bringt der Band zum Schluß einen Aufsatz, den Hamsun 1928 geschrieben hat, eingeladen, mit einem Artikel zum 50. Jubiläum der St. Louis-Post-Dispatch beizutragen. Hier findet er für Amerika warme und besonnene Worte: „Ich werde bis zu meinem Tode schätzen, was ich dort während meiner beiden Aufenthalte gelernt habe, und nicht ohne schöne und gute Erinnerungen daran.“ Seine Würdigung des großen Amerika von heute, das von dem seiner Jugend himmelweit verschieden sei, stellt eine eigene dialektische Spannung zu seiner Erstlingsschrift her. – Jutta und Theodor Knust haben den oft schwierigen Text sorgfältig, doch nicht fehlerlos übersetzt.

Anni Carlsson