Von Peter Pawlik

Man kann eher sagen, was dieses Buch nicht als was es ist. Man kann darüber sagen, was man über fast alle zur Zeit von Romanschriftstellern verfaßten Romane sagen kann: daß „die Schreibschwierigkeiten selbst schon Realität“ seien, daß der Autor „Mut, auf alles Geschönte zu verzichten“ bewiesen habe und „gerade dadurch“ die „genuine Umsetzung von Erfahrungen, wie sie der zunehmend gestörten Identität entsprechen“, ermöglichte, wie auch „seine Verstörung“ von der Art sei, die eine fortlaufende und chronologisch angelegte Ich-Erzählung unglaubwürdig erscheinen lasse oder ließe. Oder daß er „Reduktion auf die eigene Erfahrung“ betreibe. Das kann man alles nicht sagen über das neue Buch von –

Stefan Heym: „Ahasver“, Roman; Bertelsmann Verlag, München, 1981; 320 S., 34,–D-Mark.

Man kann aber sagen, daß er die antisemitische Mystifikation Ahasver als einen Faden nimmt, den er in die Lösung seiner Gedanken, Meinungen, Ideen und Assoziationen über Gott und die Welt, Religion und Geschichte, Atheismus und Linientreue, Leidensgeschichte, Atombombe, Menschheit, Luther, Melanchthon, Aberglauben, Klerus, Teufel, Antizionismus, Engelssturz, Weltenende, Veränderungswillen, Leiden, Zynismus und anderes hängt. Wir sehen den Faden in bereits herausgezogenem Zustand, und an ihm klebt der Roman. Man kann ihn einen Ansichten- oder Meinungsroman nennen, auch ein Erzeugnis annäherungsweise weiser Nachdenklichkeit: von „Reduktion“ nun wirklich keine Rede; der Griff nach dem Weltenrätsel ist, wie billig bei einem Alterswerk, leicht und mühelos, nicht ohne Festigkeit, aber auch nicht ohne Milde, nicht ohne Entsagung, aber auch keineswegs ohne Ingrimm, nicht ohne Richtung, aber auch ein wenig ziellos.

Ahasver, der gefallene Engel

Das so sympathische wie untypische wie unsystematische Buch weist neunundzwanzig Kapitel auf. Neun von ihnen siedeln irgendwo zwischen Himmel und Erde oder Geschichte und Ewigkeit. Ahasver stürzt durch die Zeit, schwebt und sucht (denn bei Heym ist er, wie Lucifer, ein gefallener Engel) und erzählt dabei von seinen Begegnungen mit dem Teufel, Reb Joshua-Jesus“ und – dessen Vater, dem „Alten“. Zwölf von ihnen sind zeitlich im sechzehnten Jahrhundert und räumlich zwischen Leipzig, Wittenberg, Hamburg, und Gottorp daheim und erzählen den Lebensweg des Superintendenten Paul von Eitzen, der in enger Nachbarschaft Zu einem Hans Leuchtentrager (Leuchtentrager wie Lucifer) lebt, immer wieder Ahasver, dem ewigen Juden begegnet und in seinem letzten Kapitel von Leuchtertrager, dem Teufel, geholt wird. Acht von ihnen schließlich, geben den Briefwechsel eines Professors Beifuß vom Institut für wissenschaftlichen Atheismus in Ostberlin mit einem Professor Jochanaan Leuchtentrager von der Hebrew University in Jerusalem wieder, in welchen sich auch die vorgesetzte Dienststelle des Beifuß, ein Hauptabteilungsleiter Würzner im Ministerium für Hoch- und Fachschulwesen einschaltet; auch Beifuß wird in seinem letzten Kapitel vom Teufel, also von dem gemeinsam mit Ahasver aus Jerusalem angereisten Leuchtertrager, geholt und durch die Luft über die Mauer nach Westen, aber „mit großer Geschwindigkeit im Schrägflug nach oben“, weggeflogen.

So viel über die Form des Romans. Man kann vielleicht noch hinzufügen, daß die Eitzenischen zwölf Kapitel in einer Art harmlosem Professoren-Hans-Sächsisch verfaßt sind, nicht wirklich im Duktus des sechzehnten Jahrhunderts, sondern nur ein wenig altertümlich, wie man es eben so macht. Eine irgendwie unterstützende Funktion hat die Form nicht; man kann die Inhalte (Ideen, Meinungen, Assoziationen, Philosopheme), die sie auf sich trägt, von ihr lösen, wie man von einer Mandel, die man zuvor kurz in kochendes Wasser getan hat, die Haut abrutschen lassen kann. Die Unbekümmertheit, mit der Heym an Stelle eines Essays den Roman verwendet, um seine Überlegungen unter die Leute zu bringen, hat fast schon wieder Majestät. Die Überlegungen sind so, daß selbst ich ihnen folgen kann. In Ahasver sieht er das unzufriedene, anarchistische, aufrührerische Prinzip. Die Welt. ist. mies organisiert, aber „alles ist veränderbar, sage ich“, sagt er im Stürzen zu Lucifer. Dieser sagt darauf: „Aber es ist so ermüdend.“ Er sieht die Welt genauso wie Ahasver, aber er zuckt teils resigniert, teils zynisch die Achseln. Zwischen diesen beiden Seelen in des Autors Brust die dritte: Reb Joshua-Jesus. Leiden. Dulden, Schuld-auf-sich-Nehmen – eine folglich sehr elende, bedauernswerte Existenz, der Ahasver zum ersten Mal aufzuhelfen versuchte, als er ihn damals in der Via Dolorosa von seiner Haustür wies; da forderte – er ihn vergeblich auf, sich zu wehren und durch dieses Beispiel das Volk Israel um sich zu scharen. Späterhin der Zeit, als die Quälerei unter den Menschen schon sehr überhand genommen hat, fordert er den Armen auf, sich nicht auf die Unvollkommenheit derselben hinauszureden: das tue jede Revolution, die ihr Ziel nicht erreicht habe.