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Von Fritz J. Raddatz

Ein Gespenst geht um in (Buch-)Europa. Das Gespenst des Ökonomismus. Buchhandel und Verlagswesen galten in Westeuropa – wie in Amerika – bislang nicht nur als "gentleman’s business". Sie ermöglichten den Herren, dieses Gewerbes auch ein standesgemäßes Leben: ob der Rolls-Royce von Willy Droemer oder die fluchtenreiche Luxuswohnung von Claude Gallimard im Herzen von Paris; ob die Feltrinellischen Nobelsitze oder die bronzeverkleidete Rizzoli-Buchhandlung an New Yorks Fifth Avenue – Verleger und Buchhändler schienen so wenig zu darben, wie ihres Tuns unlustig, gar überdrüssig zu sein. Allein in der Bundesrepublik erhöhte sich die Produktion von Jahr zu Jahr.

Inzwischen scheint den Rolls-Royces das Benzin auszugehen – die Zeichen stehen auf Sturm. Es sind nicht nur Gerüchte, die umherschwirren, sondern allerhand harte Tatsachen geben die Frage auf: Hat eine nahezu unüberschaubare Überproduktion die Verlage – und das Sortiment – in eine schwere Krise gestürzt, oder hat auch ein verändertes geistiges Klima vieles an der augenblicklichen Buchproduktion obsolet gemacht?

Das Haus Feltrinelli, nicht nur für die intellektuelle Szene Italiens eines der wichtigsten, mußte mehr als 30 Prozent seiner Belegschaft entlassen. Die Präsidentin Inge Feltrinelli sagte in einem Interview mit der Zeitschrift Twen: "Das sind erstmal die Kosten, besonders die ungeheuren Papierpreissteigerungen. Fast alle Verlage sind hoch verschuldet, und selbst wenn wir jetzt einen Bestseller nach dem anderen produzieren könnten, würden wir den Schuldenberg nicht abtragen können, einfach weil die Zinsen zu hoch sind."

Stecken die Verlage denn nicht aber auch in einer intellektuellen Krise?

"Ja, das ist es vor allem. Es gibt einfach keine großen geistigen Bewegungen mehr, keine intellektuellen Zentren, von denen neue Impulse ausgehen könnten. Es gibt nur noch eine einzige Langeweile."

Das kann aber auch die Schuld der Verlage selbst sein. Die könnten schließlich solche Impulse fördern. Aber wenn überall gekürzt wird...

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"Wir haben den Autoren in den letzten Jahren doch alle Möglichkeiten gegeben. Und wir machen selbstverständlich weiter Programme, wenn auch eingeschränkt. Aber es kommt einfach nichts Neues. Wo gibt es denn heute zum Beispiel einen Marcuse, der große politische Bewegungen ausgelöst hat?"

Aber große politische Bewegungen gibt es im Moment wieder, vor allem die Friedensbewegung.

"Und die Schriftsteller schweigen dazu. Wir haben den Appell von 150 Autoren, aber von dem wurde kaum Notiz genommen. Dabei muß doch gegen die Neutronenbombe ein einziger Aufschrei durch Europa gehen."

Österreichs Fritz Molden, nicht etwa wie der Residenz-Verlag durch behutsame Pflege österreichischer Gegenwartsliteratur bekannt, sondern durch sensationelle Bestsellerproduktion wie Hildegard Knefs Der geschenkte Gaul oder Mario Puzos Der Pate, zahlte zwar jüngst noch 865 000 Mark Vorschuß für Judith Krantz’ Prinzessin Daisy – doch jetzt gibt er auf. In einer spektakulären Aktion hat er die Rechte von 45 Erfolgsautoren verkauft: an Bertelsmann. Namen wie Mario Puzo oder Henri Charrière (Papillon), James A. Michener (Die Kinder von Torremolinos) oder Irwin Shaw (Ende in Antibes) wechseln den Besitzer wie Tote Seelen. Die Branche munkelt von einem Betrag unter fünf Millionen Mark – die Erfolgsautoren waren keine Erfolge mehr. Nur noch bei Mediengiganten, die vom Vorschuß über die Werbung bis zum letzten Nebenrecht alles selber vermarkten können, geben diese Zitronen noch den letzten Safttropfen her. Molden kommentiert den Sündenfall so: "Heute ist nicht mehr die Nase, sondern die Frage ausschlaggebend, wer im eigenen Verbund die besseren Verwertungsmöglichkeiten und wer das meiste Geld hat."

Ähnliches läßt Sich aus anderen Ländern Europas berichten – ob aus England, wo ein Verlag wie Cassell’s von der Bildfläche verschwand und wo sich auch renommierte Häuser die Ubersetzungen deutscher Autoren (wie etwa Grass und Lenz) von der bundesrepublikanischen Kulturorganisation "Inter Nationes" zahlen lassen; oder aus Frankreich, wo der Rüstungskonzern Matra (7,5 Milliarden Francs Umsatz, 32 000 Arbeitnehmer) den Bertelsmann vergleichbaren Buch- und Zeitschriftenriesen Hachette schluckte (6 Milliarden Francs Umsatz, 21 000 Arbeitnehmer). Das renommierte Haus Laffont wurde schlicht verkauft – an den Staat.

Jérôme Lindon, Chef des literarisch entdeckungfreudigen Verlages "Editions de Minuit", erklärte prompt, unter den gegenwärtigen Verlegerbedingungen hätte er weder Beckett noch den gesamten Nouveau Roman vorstellen können. Und der wegen des Matra-Anschlusses ausgeschiedene Direktor der (zum Hachette-Imperium gehörenden) Editions Stock, Christian de Bartillat, sagte in einem Interview: "Im Moment ist die Situation nahe dem Debakel: Vor sechs Jahren brauchte ein Verleger eine Auflage von etwa 3000 Exemplaren, um sein Budget auszubalancieren. Heute funktioniert das nicht mehr unter 8000 oder 10 000. Jeder Verleger giert nach der Chance der 300 000."

Die Nachrichten aus dem bundesdeutschen Verlagsbuchhandel hören sich nicht weniger alarmierend an. Dabei scheinen sie sich zu widersprechen. Für das Jahr 1980 gibt der Börsenverein des deutschen Buchhandels e. V. in Frankfurt eine Produktion von 67 176 Buchtiteln an, 8,2 Prozent mehr als im Vorjahr und nahezu das Fünffache von 1951. Die Deutsche Bibliothek in Frankfurt zählt für die ersten acht Monate des Jahres 1981 27 822 Titel – eine Steigerung von knapp acht Prozent (und gegenüber den größten Buchproduzenten der Welt, USA und Sowjetunion, mit jeweils 85 000 Titeln ein beachtlicher dritter Platz).

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Dennoch: Es scheint, als sei es eben dieser Gigantismus, der seine Produzenten erschlägt. Führt der von der Ideologie zum Fetisch gewordene Wachstumsgedanke auch in der Buchindustrie sich selbst ad absurdum? Daß steigende Umsatzzahlen nicht automatisch steigende Gewinne bedeuten, versteht sogar ein wirtschaftlicher Laie. So konnte der Wirtschaftssprecher des Börsenvereins Herbert Grundmann für den Buchhandel zwar einen Gesamterlös von 7,6 Milliarden Mark im Vorjahr angeben (acht Prozent Zuwachs). Doch der Gewinn ging von 1,7 Prozent im Jahre 1979 auf 1,2 Prozent für 1980 zurück.

Sinkender Gewinn heißt sinkende Investitionsbereitschaft. Die Investition eines Verlegers sind seine Autoren. Und hier beginnt die bedenkliche Entwicklung, die aus wirtschaftlichen Ursachen zu kulturellen Konsequenzen führt:

  • Fast alle Buchverlage beginnen, ihre Produktion zu drosseln; das hört sich angesichts der schier nicht mehr faßlichen Papierschlange wie ein Grund zur Erleichterung an; nur:
  • Opfer dieser Sparmaßnahmen werden das schwierige Buch, der anspruchsvolle Autor sein.

Wenn einer der renommierten deutschen Verlage pro Jahr 1,5 Millionen Mark Defizit macht (und nur durch Gewinne aus Nebenfirmen ausgleichen kann), werden seine Teilhaber diesem Spiel bald ein Ende setzen. Und die Häuser, die heute Literatur produzieren und nicht nur bedrucktes Papier – Hanser, Luchterhand, S. Fischer, Rowohlt – halten sich lediglich, weil sie Sach-, Fach- oder Taschenbuchverlage daneben betreiben. Die scheinbare Ausnahme Suhrkamp ist deshalb seltsam, weil niemand weiß, mit wieviel Kapital, zinslosen Krediten oder anderen Hilfestellungen die millionenschwere Schweizer Familie Reinhardt das Haus mitträgt; die bewundernswert rigoros-literarische Linie, jenseits aller Daisy-Bestsellerei, ist augenscheinlich nur auf diese Weise gesichert.

Die genau umgekehrte Konsequenz führt der Bertelsmann-Konzern vor – die Übernahme des Molden-Pakets zeigt ein anderes Mal die Ziellinie der Interessen dieses mit über 5 Milliarden Umsatz zweitgrößten Medienkonzerns der Welt. Bertelsmann konzentriert sich evident auf das risikolosere und einträglichere Geschäft der Konsolidierung seiner internationalen Buch-Club-Interessen: 8,5 Millionen Mark Investition für die britische Tochter "The Leisure Circle" 1981/82 (die bereits im abgelaufenen Geschäftsjahr die Mitgliedszahl um 76 Prozent auf 304 000 erhöhen konnte), 8,7 Millionen Mark für den portugiesischen "Circulo de Leitores" 1980/81. Bertelsmann weiß, was er tut: 35 Prozent des Gesamtumsatzes kommt aus den Buchklubs. Der Geist Kafkas mag dort nicht wehen – kafkaesk allenfalls muten die Gabelstapler an, die ferngesteuert Bücherberge durch vollautomatisierte Hallen karren, in denen kein Mensch mehr tätig ist weit und breit. Good bye, Gutenberg.

Der Kafka-Forscher Wagenbach, damit verglichen ein pfiffiger Knirps und mutiger David, scheint von der Krise nicht betroffen. Warum? Wagenbach: "Die Hauptsache ist die Kontinuität der Lektoratsentscheidungen. Oder, vom Leser aus gesehen: Er weiß, daß der Verlag Klaus Wagenbach ein linker und neugieriger Verlag ist und daß ihn dort keine kommerziellen Windeier, wohl aber Anstiftungen zu Denken und Laune erwarten."

Auf dieselbe Frage der ZEIT antwortet H. M. Ledig-Rowohlt, durch Bonhommie, Lebensneugier und Lesehunger ungewollt zum Doyen des deutschen Verlagswesens gekürt, typischerweise mit einem Gran Irratio: "Der Rowohlt Verlag ist von der Krise betroffen wie andere Verlage in der ganzen Welt. Sie ist im wesentlichen in aller Welt hervorgerufen durch die steigenden Buchpreise, die sich erklären aus den erhöhten Material kosten und Löhnen. Die Preisgrenzen von 29,80 Mark oder 38 Mark je nach Umfang werden verzweifelt zu halten versucht, müßten aber längst überschritten werden. Das Publikum will jedoch höhere Preise nicht akzeptieren und zieht es vor, sie für Benzin und andere Lebensgüter auszugeben, darunter auch für Taschenbücher. Hinzu kommt, daß wir leider nicht in einer Zeit leben, wo sich der Mensch veranlaßt fühlt, sich des Abends mit einer Flasche Rotwein in den Lehnstuhl zurückzuziehen, um sich literarisch zu unterhalten und zu bilden. Die zerstörerische Unruhe in der ganzen Welt hat allgemein Angstgefühl und Bedrückung hervorgerufen. Es fehlt also die richtige Leselaune, eher schaltet man sich ein, um zu hören, ob die letzte Katastrophe noch einmal an uns vorbeigegangen ist. Man fiebert von Tag zu Tag der Zukunft entgegen."

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Das letztere macht nachdenklich. Erleben wir einen Trend "weg vom Buch", eine Hinwendung zur Information aus zweiter Hand? Gleichgültig, welcher Couleur – lenkt die Glanzpapierleere von Geo oder die Einäugigkeit von Konkret die Spiegel-Smartheit oder die grammatiklose Spracharmut der taz ab von Goethe oder Plenzdorf; Sartre oder Döblin; Fichte, Johann Gottlieb oder Fichte, Hubert? Lassen die tatsächlichen Schreckensberichte, ob Massenhinrichtungen in Teheran oder ein Demonstrationstoter in Berlin, unsere Phantasie zusammenschnurren, wie sich eine Schnecke in ihr gepanzertes Haus zurückzieht?

Die Verleger versuchten, die Mechanismen des Marktes zu bedienen. Dabei zeigt sich eine neue, vielleicht frappante Wendung: Die kleineren sind weniger gefährdet. Der Berliner Rotbuch-Verlag, nicht nur wegen des dort erscheinenden Kursbuch oder der schönen Heiner-Müller-Ausgabe interessant, meldet für 1979 bei einem Umsatz von 2 806 600 Mark einen Überschuß von 107 800 Mark; darüber, hochgerechnet, wäre jeder große Verlag überglücklich.

Der Verlag hat allerdings auch eine andere innere Struktur, eine Art Verfassung: "Über das Produktionsmittel Verlag verfügen allein die im Verlag Arbeitenden. Jedes Kollektivmitglied hat eine Stimme, einen Chef gibt es nicht, auch nicht Profit- oder Besitzinteressen einzelner. Sollten wir Überschüsse machen, werden sie nicht ausgeschüttet, sondern zur Finanzierung neuer Projekte verwendet." Über Manuskripte entscheidet ebenfalls das Kollektiv – "nach gemeinsamer Diskussion".

Das klingt sympathisch. Es konnte aber das Abwandern so wichtiger Autoren wie Thomas Brasch (zu Suhrkamp) oder Peter Schneider (zu Luchterhand) nicht verhindern.

Evident ist dennoch, daß kleine, sehr persönlich geprägte Verlage, die 300 000 Mark Vorschuß auf einen banalen Sagan-Roman weder zahlen können noch wollen, sich bemerkbar machen. Bravourös etwa ist die Gründung des Qumram-Verlags durch den Essayisten Hans-Jürgen Heise, der beispielsweise mit der Edition des französischen Ethnologie-Poeten Leiris (und einer Arbeit über ihn) spontanes Echo in der Kritik auslöste. Oder die herrliche Rimbaud-Edition von Matthes und Seitz. Oder das politisch präzise strukturierte Programm des "Argument"-Verlags, hervorgegangen aus dem Flugblatt einer Studentengruppe vor 22 Jahren, die im Mai 1959 gegen Atomrüstung protestierte; daraus entstand die Zeitschrift "Argument", die 1970/71 bereits in einer Auflage von 15 000 Exemplaren Autoren wie Probst Grüber, Helmut Gollwitzer oder Günter Anders druckte.

Inzwischen ist daraus, neben der weiter existierenden Zeitschrift, ein politisch profilierter Verlag mit acht festangestellen Redakteuren und einer Produktion von 10 bis 15 Titeln pro Jahr gewachsen – vergleichbar vielleicht dem 1965 gegründeten Oberbaum-Verlag, der bibliophile Drucke der amerikanischen Beatniks oder Peter Handkes Die Literatur ist romantisch verlegte. Der Verlag wird von einem vierköpfigen Kollektiv geleitet, dessen undogmatischem Einfallsreichtum zum Beispiel die Herausgabe von Charles Bettelheims wichtiger Studie Die Klassenkämpfe in der UdSSR zu verdanken ist. Doch ist die Konzentration auf Theorie, gar marxistische, keineswegs conditio sine qua non für diesen Typ des erfolgreich und sinnvoll operierenden kleineren Verlags.

Wahrlich ohne jeden linken Gestus, aber in Wahrheit ganz ähnlich konzipiert ist Wolf Jobst Siedlers neuer Verlag; vergleichbar dem erfolgreichen Albrecht Knaus. Schon mit der allerersten Produktion war Siedler einer der in der Kritik am meisten beachteten Buchproduzenten, und die Berliner Verlagsauslieferung Hartwich konnte ihm am Ende des ersten Halbjahrs bescheinigen, daß er die am besten verkaufte Titelzahl aller in Berlin ausliefernden Verlage hatte. Über 30 renommierte Autoren sind von ihren "Stammhäusern" inzwischen zu Siedler übergewechselt – obwohl er vergleichsweise winzige Vorschüsse zahlt; pro Buch nicht mehr als jede Rundfunk-Nachtprogrammredaktion für einen größeren Essay. Woran liegt es? An der Person?

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Den "Verlust an Verlegerpersönlichkeiten beklagte jüngst der Schriftsteller und dtv-Geschäftsführer Heinz Friedrich. Ein möglicher Grund? Doch Friedrich steht einem Taschenbuchverlag vor, also einem Unternehmen, das in der Mehrzahl Nachdrucke kommerzialisiert, kaum kreativ arbeitet. Wieso sind auch die Taschenbuchverlage in einer Krise? Die gerade tut Friedrich gern als "Gerede" ab, wehrt sich aber gleichzeitig gegen die Supermarkttendenz einer "Flächendeckung durch bedrucktes Papier". So hält er von seinem Programm zwar leichte Unterhaltung fern (und konnte an Böll und Lenz jüngst das "Goldene Taschenbuch" für das Überschreiten der Millionengrenze für je einen Titel überreichen), aber: "Wenn ich alleine zu entscheiden hätte, käme viel kaum Verkäufliches auf den Markt." Dieser Satz verrät auch das Diktat von sogenannten "Sachzwängen".

Es sind diese Sachzwänge, die einen circulus vitiosus geschaffen haben, aus dem sich die deutschen Verleger im Augenblick nicht zu befreien wissen: Da das Taschenbuch bis vor kurzem ihre finanzielle Stütze war, haben sie die Produktion ihrer Reihen unaufhörlich ausgedehnt.

Zahl der 1977 Reihen 1981

Dtv 8 16

Fischer 15 28

Goldmann 12 14

Heyne 19 24

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Knaur 6 13

Maier 5 9

Rowohlt 17 21

Ullstein 13 13

Damit aber haben sie die Aufnahmefähigkeit sowohl des Sortiments als auch der Käufer hoffnungslos überfordert. Die Flut der – oft sinnlosen – Titel überschwemmte alle Regale, ersäufte die Leser. "Meiner Meinung nach werden zu viele Taschenbücher produziert, offensichtlich für den Ramsch", seufzte im April-Börsenblatt die Buchhändlerin Marlies Beume. Ihre Kollegin Ingeborg Schütz von der renommierten Schrobsdorff’schen Buchhandlung in Düsseldorf wurde noch präziser: "Die monatliche Taschenbuchflut ist inzwischen nicht mehr zu übersehen. Dadurch sind inzwischen auch unsere Buchhandlungen gezwungen, Reihen und Fortsetzungen, wenn nicht ganz zu streichen, so doch mindestens zu kürzen. Unverständlich für das Sortiment ist weiterhin die Tatsache, daß die Verlage mehr und mehr die Zeitspannen zwischen dem Erscheinen der Hardcover- und der Taschenbuchausgabe verkürzen. Inzwischen haben viele Kunden gemerkt, daß die Taschenbuchausgaben häufig sehr schnell folgen und uns Sortimentern sagen: ‚Wie teuer! Ach, dann warte ich lieber aufs Taschenbuch, das dauert ja doch nicht mehr lange.‘"

Während eben noch S. Fischer-Verlagschef Ivo Frenzel triumphierte, daß sein Haus durch die Publikation bestimmter Titel gleichzeitig als gebundene Ausgabe und als Taschenbuch Verkaufserfolge erzielt, bockt das Sortiment. Die Verleger schütten den Brunnen zu, aus dem sie trinken wollen. Keineswegs aus Mutwillen oder Unsinnigkeit; denn eines der Hauptprobleme ist bei so eminent gestiegenen Produktionskosten die Kalkulation.

Bei ständig steigenden Personal-, Papier- und Versandpreisen sind die meisten Titel (in mittleren und großen Verlagen) kaum noch zu kalkulieren. Egal, ob es sich um eine Sartre-Edition handelt, um den Erstlingsroman eines deutschen Autors oder um die fünfbändige Ausgabe der Tschechow-Briefe bei Diogenes: verdienstvolle Unternehmungen, aber nicht mehr im Sinne des Verdienens:

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Vor dieser Zwangslage wichen viele Verleger auf das Taschenbuch aus – ob Werkausgaben in Kassetten oder literarische Debütanten in Einzelausgaben. Nach Anfangserfolgen – die zehnbändige Kassette mit Tucholskys Gesammelten Werken wurde fast 100 000mal verkauft – lief diese Welle zurück. Denn die Regale stehen für die uferlos gewordene Taschenbuchproduktion nicht mehr zur Verfügung. Es gibt inzwischen allzu viele Buchhandlungen, die lieber einen teuren Max-Ernst-Band oder einen aufwendigen Amerika-Bildband auf Lager halten. Diese zu verkaufen kostet nämlich ebensoviel Zeit wie ein Taschenbuch von zehn Mark.

Der gordische Knoten scheint unauflösbar: Zieht ein Taschenbuchverlag aus dieser Situation die Konsequenz und "säubert" seine Reihen, verliert er den Lizenzgeber. Um die Ecke wartet der Konkurrent, der haargenau die eben aufgegebenen Titel neu erwirbt und auf den Markt wirft. Das ist die Vernunft – oder Moral – des Kapitalismus, mit dem bei Strafe des Ruins seiner Farmer Amerika den Weizen eben an jene Sowjetunion liefern muß, die man doch laut Minister Weinberger lieber "winselnd zusammenbrechen" sähe.

Ein Verleger-Rififi sondergleichen führt diese Kalamität besonders absurd vor: Da 1982 die Rechte an Edgar Wallace frei werden, legt Goldmann alle 182 Titel zusammen auf, zum Dumpingpreis von 1,95 Mark pro Band.

Nur: Auch den Taschenbuchverlagen steigt das Wasser an den Hals – so sehr, daß manche gleich ganz hineinspringen. Als "Moewig-Herbst-Aktion" startete dieses Haus eine Leser-Gewinnspiel-Werbung, deren erster Preis allen Ernstes eine "Trauminsel" ist, mit Palmen, schneeweißem Strand und tiefblauem Meer auf der Werbekarte abgebildet. Eine Buchhandlung war nicht zu erkennen.

Aber ob nun mit einem "Fleurop-Dienst für Bücher" oder einem "Buchgeschenkdienst" per Scheck sich Verlage und Buchhändler helfen wollen – bedrohlich wird eine Aktion, die sich im Barsortiment anbahnt: Sie wollen ihren Bestand an Taschenbüchern ausforsten; reihenweise, titelweise – nach Rentabilitätskriterien.

Barsortimente nennen sich die Grossisten, an die bis zu 30 Prozent der deutschen Verlagsproduktion gehen (70 bis 75 Prozent liefern die Verlage direkt an den Buchhandel). Die Branchenriesen sind Koch, Neff & Oetinger in Stuttgart, Lingenbrink und Wegner & Co. in Hamburg, Die von den Verlagen eingeräumten Rabatte schwanken generell zwischen 35 und 50 Prozent vom Ladenpeis (bei Fachverlagen etwa 25 Prozent). Die Grosso-Häuser erhalten gegenüber den Buchhändlern etwas höhere Rabatte, haben allerdings – mit rund 97 Prozent aller lieferbaren Titel am Lager – enorme Lagerhaltungskosten. Die Aufnahme (und Computerspeicherung) eines Titels kostet bei Wegner 20 Mark. Es klingt einleuchtend, wenn beispielsweise Gerhard Kurtze vom Grossohaus Wegner erläutert: "Wir haben rund 430 000 Titel im Computer und 90 000 Titel am Lager. Zu unserem Service gehört, daß jeder Titel in einer Frist von 6 bis 24 Stunden geliefert wird. Das ist für ein Taschenbuch, von dem 60 oder 100 Stück pro Jahr verkauft werden, kaum zu vertreten. Zwischen Januar und April jeden Jahres wird der gesamte Bestand daraufhin durchgesehen, was sich häufig genug umschlägt und damit geschäftlich noch sinnvoll ist."

Das bedeutet allerlei. Räumt ein Verlag zum Beispiel nicht entsprechende Konditionen – Rabatt, Zahlungsziel – ein, kann es ihm passieren, daß ein Grossohaus seine Produktion überhaupt nicht führt. Suhrkamp-Bücher gibt es bei Wegner nicht. Lohnt sich eine anspruchsvolle Buchreihe mangels Absatz der einzelnen, auch noch "zu billigen" Titel nicht, fliegt sie raus. Rowohlts "das neue buch" gibt es bei Koch/Neff nicht.

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Das Fachorgan Buchreport schrieb über das große Rätselraten: "Die Meldungen, wie viele der angeblich schwergängigen Titel aus dem Taschenbuchangebot der Barsortimente Koch, Neff & Oetinger und Lingenbrink mit Beginn des Herbstgeschäfts aus Rentabilitätsgründen denn nun tatsächlich gestrichen werden sollen, sind soweit voneinander entfernt wie die Temperaturen dieser Tage: Sie reichen von ‚nahezu null‘ bis zu ,mehreren tausend Titeln’. Von Lingenbrink ist zwar zu erfahren, daß "insgesamt nicht mehr als zwischen 500 bis 1000 Titel’ gestrichen worden sind, hingegen verhält sich Jürgen Voerster vom Barsortiment Koch/Neff völlig entgegengesetzt zu seiner sonstigen Diskussonsbereitschaft: Er schweigt. Entsprechend verunsichert sind Verlage und Buchhandel."

Rowohlt-Geschäftsführer Horst Varrelmann rechnet mit einer Zahl "um 500", Goldmann mit 300. Diese Bücher existieren dann praktisch nicht mehr. Denn: Kein Buchhändler hat im Kopf, welche Bücher und Taschenbücher von den mehreren Hunderttausend lieferbar (und bei wem verlegt) sind. Er benutzt die "Barsortimentskataloge", dick wie das Telephonbuch von Manhattan. Was er im Laden nicht hat, bestellt er – "bis morgen mittag" – beim nächsten Grossohaus über den Katalog.

Diesen luxuriösen Service sehen viele Kritiker als unsinnig an. Rowohlt-Vertriebschef Varrelmann: "Eigentlich ein schlichter Wahnsinn. Abgesehen von seltenen Ausnahmen, etwa bei einem Wissenschaftler, braucht kein Mensch ein Buch binnen Stunden. Das Sortiment ist weder Nachtapotheke für Herzkranke noch Notarzt." Zumal dann viele bestellte Bücher gar nicht abgeholt werden. Das Magazin Buchmarkt stellte in einer Untersuchung fest: "Es haben abgeholt – am nächsten Tag: 3,4 Prozent der Bestseller – nach einer Woche: 64 Prozent."

Trotzdem: Ist ein Titel im Barsortimentskatalog nicht aufgeführt – dann ist er aus der Welt der Bücher verschieden. Der Buchhändler kann den Titel nicht ermitteln, bestellen, liefern, verkaufen. Ein Leichnam aus Papier. Irgendwo im Verlag dämmert diese Ausgabe dem Reißwolf entgegen.

Es gibt einen einzigen Ausweg – und der ist keiner, weil er zu teuer ist: Das "Rechenzentrum Buch des Börsenvereins" gibt ein "Verzeichnis lieferbarer Bücher" (VLB) heraus. Jeder Titel trägt den Vermerk, welches Barsortiment ihn führt. Aber die Aufnahme muß bezahlt werden. Das ist vielen Verlagen zu teuer. Der Walter de Gruyter Verlag hat von seinen 14 000 Titeln dort nur 6000 aufgelistete VLB – ohnehin in den meisten Buchhandlungen nicht vorhanden – kann den Barsortimentskatalog nicht ersetzen.

Das neue Mode- und Schreckenswort des Sortiments prangert Georg Ramseger, ehemaliger Welt-Feuilletonchef und hervorragender Kenner des deutschen Buchhandels an: "Vergriffen." Er verfolgt seit langem mit Sorge die Entwicklungen in dieser Branche, die mit Geist handelt, und kam jüngst zu der Conclusio: "Die .führende’ Buchhandlung hat, wenn sie eine bestimmte Größenordnung übersteigt, einen Chef, der nie mehr im Laden steht, der nicht mehr ,bedient’ ... Geh in den Laden, Chef, sonst geht dein Laden unter." Diesen Mann, so scheint es, gibt’s nicht mehr.

Der Vorsitzende des Börsenvereins, Günter Christiansen, Inhaber zweier glänzend geführter Buchhandlungen, weiß vor allem von der mangelnden Ausbildung der jungen Buchhändler zu klagen. Die ehemals so betonte Beraterfunktion ist eher einer Position der Ratlosigkeit gewichen. "Wir haben zwar in drei Wochen 27 Bewerber", sagt Christiansen, "aber oft ist der Bildungsstand erschreckend. Bei Gehältern zwischen 1500 bis maximal 4000 Mark brutto im ersten Beschäftigungsjahr kann man allerdings auch keine sehr lukrativen Angebote machen – hinzukommt, daß die Arbeitszeiten im Einzelhandel im Vergleich zu anderen Berufssparten, wie zum Beispiel Bürotätigkeit, wenig attraktiv sind."

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Der deutsche Buchmarkt ist, wie man sagt, straffer und besser organisiert als jeder andere der Welt. Der Börsenverein umfaßt 4400 Mitgleider, 1200 davon sind allerdings Verlage; der Rest sind Buchhändler – vom eleganten Hamburger Innenstadtgeschäft Felix Jud bis zum Papierwarenladen oder Kiosk in Rahlstedt. 80 Prozent des Marktanteils werden von den Börsenvereinsmitgliedern gehalten, von denen nur eine kleine Gruppe über zwei Millionen Mark Jahresumsatz hat; die Mehrzahl – nämlich 80 Prozent – bleibt unter 1,2 Millionen Mark. Diese Buchhändler haben eine jährliche Produktion von 40 000 Novitäten (mit Nachauflagen 60 000) zu bewältigen – ziemlich genau das Doppelte von dem, was im deutschen Reichsgebiet vor dem Ersten Weltkrieg verlegt wurde. Günter Christiansen lehnt zwar das Wort von der Strukturkrise des deutschen Buchhandels ab; aber eine im September 1981 im Buchreport publizierte Tabelle spricht eine deutliche Sprache über Zahlungsfähigkeit oder -moral der Buchhändler:

  • Mai 1980: 48 Prozent, Mai 1981: 53,6 Prozent überfällige Forderungen (Steigerung: 11,7 Prozent);
  • Juni 1980: 32 Prozent, Juni 1981: 51 Prozent iberfällige Forderungen (Steigerung: 59,4 Prozent).

Über diese Situation – oder behauptete Situation? – ist jüngst ein ziemlich vehementer Streit zwischen den "Handelspartnern" Verlage – Buchhandel ausgebrochen. Auf einer Klausurtagung, deren Resultat in einem streng gehüteten sogenannten "Gravenbroich I"-Papier vorliegt, kündigen die Sortimenter den Verlagen mit ungewohnter Aggressivität die freundschaftlichen Beziehungen auf: "Die Verlage haben längst ihre Marketingstrategien nach rein kaufmännischen, betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten ausgerichtet. Es ist deshalb völlig nutzlos, die jahrhunderteweit zurückliegende Partnerschaft zwischen Verlag und Sortiment zu beschwören ..."

Die Buchhändler sehen sich in der Mehrzahl als Mittel- und Kleinbetriebe, 47,2 Prozent in der Umsatzklasse bis 250 000 Mark, insgesamt 71 Prozent in der Klasse bis 500 000 Mark. Dieser "kopflastigen Struktur" trüge der "Handelspartner", wie die Verlage in einem dünnlippigen "Gravenbroich II"-Papier genannt werden, nicht Rechnung.

Der Verlegerausschuß im Börsenverein sah sich zu einer Antwort im Börsenblatt (64/1981) genötigt, die wie eine Zurechtweisung klingt. Die Buchhändler müssen sich darin bescheinigen lassen, daß sie im Vergleich zum übrigen Einzelhandel in den letzten zehn Jahren erheblich höhere Zuwachsraten erzielt hätten; daß – "wenn jetzt härtere Zeiten kommen" – einem zunehmend preissensibler werdenden Markt nicht nur von einer Seite Rechnung getragen werden könne; daß, vor allem, die Forderung des Buchhandels nach "restriktivem Produktionsverhalten verwundere angesichts der Tatsache, daß dieses ja nur auf Kosten der – dann nicht mehr verlegten – Autoren ginge.

Die Konterattacke des Verlegerausschusses stützt sich auf eine Kölner Marktstudie von Herbert Grundmann. Der habe nämlich nachgewiesen, daß alljährlich ein Drittel der Buchhandlungen überdurchschnittlich abschneidet, ein weiteres Drittel durchschnittlich und das restliche Drittel unterdurchschnittlich. Dies ist geradezu charakteristisch für wettbewerbsoffene Märkte, daß nämlich gute Erfolge nicht allen Mitbewerbern gleichmäßig zuteil werden können, sondern daß persönliche Tüchtigkeit und auch Glück dazu gehören.

Es heißt, Lesegewohnheiten haben sich geändert. Ein eklatantes Beispiel dafür, scheint unser Eigenprodukt "Die ZEIT-Bibliothek der 100 Bücher" zu sein: Von unseren Lesern emphatisch aufgenommen, von Suhrkamp – nicht zuletzt durch den Preis von 5 Mark – binnen kurzem zu einer 150 000-Sensationsauflage gebracht, führte die ganze Unternehmung doch zu einem "Erfolg" nicht: zum Kauf der dort vorgestellten Bücher. Die Buchhändler verkauften stapelweise dieses (Informations-)Buch über Bücher – die analysierte, vorgestellte, empfohlene Literatur nicht. Information statt Bildung.

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So könnte es auch sein, daß sich Kaufverhalten geändert hat. Auch dafür gäbe es ein Beispiel: das Unternehmen "Zweitausendeins". Man kann Lutz Reinecke mit seinem 100-Mann-Unternehmen fast den "Grünen" unter Deutschlands Verlagsbuchhändlern nennen; jedenfalls liest sich seine fabulöse Erfolgsbilanz – Auskünfte über Umsatz und Gewinn erteilt er nicht – eher wie ein Märchen aus 1001 Nacht.

Unter Ausschluß des Buchhandels verkauft Zweitausendeins Büchermengen, von denen etablierte Verlage nur träumen können. Oskar Negt und Alexander Kluges hochkompliziertes, theoretisch anspruchsvolles und doch verspieltes Buch "Geschichte und Eigensinn" wurde im Mai 1981 mit einer Erstauflage von 10 000 gestartet und steht bereits im Oktober 1981 bei der vierten Auflage; insgesamt 25 000 Exemplare – ohne eine einzige Rezension.

Noch spektakulärer ist der Erfolg von "Global 2000", dem Bericht der Carter-Administration über die (düstere) Zukunft der Welt, von dem Reinecke – 1500 Seiten für 20 Mark – in neun Monaten 300 000 Exemplare verkauft hat. Er gründete für diese Publikation sogar einen amerikanischen Verlag – mit dem er den Ladenpreis des US-Regierungsdrucks unterbietet. Das Geheimnis sind nicht nur die neun eigenen Buchläden in der Bundesrepublik. Der Zweitausendeins-Katalog geht an mehrere hunderttausend Kunden im Direct mail-Verfahren, die daraufhin bestellten Bücher gehen per Nachnahme (oder mit Scheckbezahlung) an den Kunden. Dadurch ist Zweitausendeins nicht nur bei den Lesern, sondern auch für viele Autoren attraktiv geworden: Wolf Wondratschek, Burroughs, dessen "Naked Lunch" ungekürzt nur in Zweitausendeins erschien, und Bukowski sind Vertragsautoren.

Diese sonderbare Mischung aus Vertrieb und Verlag (Lutz Reinecke: "Ich bin Buchhändler") wird zunehmend auch von eingeführten Verlagen in Anspruch genommen. Hanser bot ihm, obwohl dessen eigenes Lager, "bis zum oberen Lüftungsschlitz zugeschüttet ist", in einer Räumaktion 30 Titel der "Reihe Hanser" zum Verramschen an; Reinecke griff zu: "Gegen ein Geringes kamen palettenweise feinste Hanser-Bücher aus München nach Frankfurt."

Inzwischen vertreibt er nicht nur Rowohlts Nicolas Born oder Borcherts Gesammelte Werke, verhandelt mit Suhrkamp wegen einer Vian-Lizenz, sondern hat auch Exklusivverträge mit dem März-Verlag und Uwe Nettelbecks Zeitschrift Die Republik. Das Verhältnis von übernommenen zu selbstproduzierten Büchern ist 50:50.

Das Programm entscheidet nur einer: Lutz Reinecke; aber die Mitarbeiter, freie Mitarbeiter übrigens, sind offenbar mit Emphase dabei. Der Kontakt zu Negt und Kluge, anderswo Sache eines Lektors, kam über den Hersteller des Bildbandes zu Kluges "Patriotin" zustande. Wie den etablierten Parteien scharenweise die – vor allem jugendlichen – Wähler weglaufen, so finden jüngere Leser offenbar ihre Themen behandelt, ihre Neugier geweckt und befriedigt eher bei einem Unternehmen wie Zweitausendeins als bei den Konzerntöchtern von Bertelsmann und Holtzbrinck, die außerdem ihre Gigantomanie mit zu hohen Ladenpreisen büßen müssen. Lutz Reinecke betont zwar, daß er keine "Zielgruppe" habe – aber seine Praxis ist doch offenbar auch Inhalten verbunden. Zweitausendeins ist nicht die Tschibo-Kette für Jeansliteratur.

Inhalt: Ist das ein six-letter-word geworden – etwas Schlüpfrig-Obszönes, das die Verleger ungerne berühren? Das schlankweg zu behaupten, wäre in Anbetracht der vielerlei Anstrengungen um Literatur unfair, die die Herren der Druckpressen und Rotationsmaschinen noch immer zeigen. Dennoch fragt man sich, am Ende einer so langen Überlegung: Was wird mit dem Autor? Um ihn sollte es diesmal, hier, nicht gehen – aber geht es den Verlegern nach wie vor um ihn? Manchmal, wenn man das Gebuhle um irgendeine Love Story mitansieht, fragt man es sich traurig. Und die Anekdote ist leider keine, in der ein großmächtiger Papierpotentat den Günter Grass mit dessen Gesamtwerk in sein Reich holen wollte; versuchte es und sprach: "Und wo, lieber Herr Grass, haben Sie Ihre Kindheit verbracht?" Der Vertrag kam dann nicht zustande.

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Ein anderer Schriftsteller – und wenigstens das letzte Wort soll einer aus der Zunft haben – schrieb es auf, auf das Papier, das ihm der Verleger bezahlte, was er von ihm hielt, der sich ihn hielt; und der Verleger druckte die kleine Sottise – wohl, weil er wußte, daß sie nicht unwahr war.

In seinem ersten Roman Die Palette, den Rowohlt verlegte, schrieb Hubert Fichte: "Ledig leiht mir im Monat so viel, wie Loddl im Hafen fest verdient. Dafür spare ich den Weg, denn ich kann es in Heimarbeit machen, und ich bin ein freier Schriftsteller in der Freien und Hansestadt Hamburg und habe einen Bart und einen bunten Schlips und ein violettes Hemd und werde beneidet um die 3 mal 12 mal achthundert Miesen – von Koppen sicher nicht und vom lieben Konrad über der Plastikbabybadewannensphäre sicher auch nicht (Bayer). Bei zweihundert Stunden im Monat macht der Stundenlohn vier Mark."