Die Motzen waren immer ein Volk für sich in ihrer "Tara de Piatra", ihrem "steinernen Land", wie sie das Westgebirge mitunter nennen. Bargenbauer waren sie nie, das ganze Gebirge galt ihnen als Festung. So liegt der Hauptort Cimpeni nicht etwa in einer freundlichen Außenbucht, sondern genau im Herzen des steinernen Landes. Es ist als Sammelpunkt gedacht, nicht als Durchgangsstation für fremde Händler – als Bergfried und nicht als Tummelplatz.

Im Jahre 1784 war Cimpeni Zentrum des Motzenaufstandes gegen die Feudalherren, und 1848 befehligte der Volksheld Avram Iancu von dort aus seine Bauernarmee (deren Ziele jedoch weder von der Wiener Hofkanzlei noch von den revolutionierenden Ungarn akzeptiert wurden und somit unerfüllt blieben). In Cimpeni fand Geschichte immer als Widerstand statt. Und wenn die Bauernanwesen im rumänischen Westgebirge bis auf den heutigen Tag keiner Genossenschaft angeschlossen sind, so mag das nicht allein an den schwer stutzbaren Hangflächen liegen.

Trotz heldenhafter Vergangenheit ist Cimpeni eine unbedeutende Stadt geblieben, an keiner großen Straße gelegen, vom Eisenbahnnetz des Landes ausgeschlossen. So hat auch der Massentourismus unserer Tage diese Stadt noch nicht erreicht und begnügt sich, strenggenommen, mit den Randgebieten dieses von allen Seiten schwer zugänglichen Inselgebirges. Selbst die bekannte Todaer Klamm – auch Thorenburger Schlucht genannt – ist nicht viel mehr als ein Autoausflug ins Vorland der Gebirgsstöcke. Und auch Stina de Vale, das Wintersportzentrum des Westgebirges, erschließt noch keineswegs das Massiv. Dabei überschreiten dessen höchste Erhebungen (Curcubata, Vladeasa, Muntele Mare) kaum die 1800-Meter-Grenze. Es ist ein Land ohne Superlative, das Motzenland, aber voller Besonderheiten, die samt und sonders – so will es scheinen – vom lieben Gott mit Rücksicht auf dieses Bergvölkchen geschaffen worden sind. Wie anders wäre es zu erklären, daß die höchsten Gipfel nicht etwa im Kern, sondern gleichsam als Schutzwall am Rand des Gebirges liegen? Daß die Täler eng und vielerorts mit Felsschluchten verriegelt und die Sehenswürdigkeiten (eine Reihe schönster Grotten) im Schoß der Erde verborgen sind?

So versteckt und abgegrenzt verschließt sich diese Bergwelt weitestgehend dem Autofahrer. Die Asphaltstraße, die heute das Ariej-Tal hinaufführt und die langwierige Anfahrt mit der "Mokanitza", der Schmalspurbahn, entbehrlich macht, belebt lediglich das große, ost-westlich ausgerichtete Haupttal. Was aber das Westgebirge so erlebnisreich macht, sind die kaum erschlossenen Seitentäler und Almen, wo, außer auf vereinzelten Schutzhütten, mit keinerlei touristischer Vorsorge gerechnet werden kann. Hier wandert man auf eigene Faust und nimmt sein bescheidenes Mahl bei Hirten und Bergbauern ein, die das Mittelgebirge bis hinauf auf 1300 Meter Höhe bewohnen. Diese hochgelegenen Weiler (in der Landessprache Crînguri geheißen) sind oft nur auf Karrenwegen und viele Gehöfte nur auf Fußpfaden erreichbar. Die kleinen Häuser haben einen quadratischen Grundriß und überdimensionale, steile Dächer, mit dicken Strohbündeln eingedeckt, die den hochgetürmten Lammfellmützen der Berghirten ähnlich sehen.

Die Einrichtung der Häuser ist denkbar einfach: Sie wird nicht von Möbelstücken bestimmt, sondern von kunstvollen und farbenfrohen Geweben und Stickereien, die in verschwenderischer Vielfalt das Wohnzimmer oder auch nur die Wohnecke schmücken. Tisch, Schemel und Bänke sind in der Regel selbstgeschreinert. Das Land hat eine alte Beziehung zum Holz, und bis auf den heutigen Tag handeln die Motzen mit Bottichen und Hirtenflöten bis weit ins siebenbürgische Hochland hinein und in die großen Städte am Rand der ungarischen Tiefebene.

"Mit unseren Koberwagen", so erzählt ein alter Rumäne in Cimpeni, "waren wir oft wochenlang unterwegs. Wir hatten Bottiche, Holzkohle und Äpfel geladen. Auf der Heimreise kauften wir Getreide ein." Es waren kleine Weltreisen, auf die man die Söhne schon im Kindesalter mitnahm, damit sie mit den Wagen und mit dem Handel vertraut wurden. Unterwegs nach Cimpeni oder Abrud kann man noch heute solchen Wagen begegnen – kleine Pferde vorgespannt, die es nicht eilig haben – die Fuhrleute in Tracht und wie versonnen, eine unnennbare Schwermut um die Stirn.

Schwermütig sind auch die alten Lieder dieses Landes: "Unsere Berge Gold verschließen / Wir vor Türen betteln müssen." Denn zur Sehnsucht nach Reichtum und Glück kommt Resignation. Die Erfahrung sieht anders aus als die Träume. Das Glück flüchtet sich in die Legende.

Auch der Sozialismus hat das Leben der Motzen nicht grundlegend verändert. Zwar wurden neue Straßen angelegt, die Schulen und ärztliche Versorgung verbessert – die Motzen aber sind arm geblieben, und das nicht nur nach westlichen Maßstäben. Das steinerne Land ernährt seine Kinder nur spärlich. – Wer etwas werden will, dem bleibt in der Regel nur die Abwanderung in die Industriegebiete im Vorland übrig. Die meisten mögen das als Fortschritt empfinden, als Einstieg in ein verheißungsvolles Zeitalter. Daheim aber – das weiß man – bleiben die Berge unverrückt, und das ist, trotz allem, beruhigend in dieser schnellebigen Welt. Die steilen Strohdächer der Bergbauern sind noch von keiner Modernisierung geglättet, die Waschmaschine ersetzt noch nicht den Bach vor dem Haus, das Sparkonto nicht die Aussteuer, das Fernsehen: nicht das Gespräch mit den Nachbarn. Die Sehnsucht nach Veränderung ist naturgemäß eine Sache der Jüngeren. Mit dem Älterwerden kommt die Einsicht, daß es das schlechteste Los nicht ist, daheim geblieben zu sein.