Mit einer für ihren Stand unüblichen öffentlichen Kritik reagierten im letzten Jahr viele Wissenschaftler auf den ersten Versuch, Menschen durch Übertragung von Erbsubstanz zu heilen. Doktor Martin Cline von der Universität von Kalifornien in Los Angeles wollte eine Blutkrankheit, die auf einem Defekt der genetischen Information beruht, mit der Übertragung intakter Gene, quasi mit einer "Genspritze", therapieren. Der Versuch schlug fehl.

Nach Meinung seiner Kritiker hatte Cline voreilig eine Methode angewandt, die in Tierversuchen noch nicht ausreichend überprüft und deren Grundlagen noch wenig erforscht sind. Die revolutionäre Entwicklung der Gentechnik machte in den letzten Jahren solche Genübertragungen bei Bakterien zur Routine. Mittlerweile produzieren die mikrobiellen Sklaven der Gen-Industrie begehrte und teure Eiweißstoffe wie Insulin und Interferon. Auch Experimente an Gewebekulturen mit Zellen höherer Organismen verliefen erfolgreich, während jedoch Versuche am Tier in den meisten Fällen scheiterten.

Mit den Experimenten wollten die Forscher zunächst mehr über die Steuerung der Genaktivität erfahren – etwa, wie Gene im Laufe der Entwicklung eines Organismus an- und abgeschaltet werden. In Zellkulturen lieferten solche Versuche jedoch nur unbefriedigende Antworten auf viele Fragen der Wissenschaftler. Der Sprung von der Kulturschale zum Versuchstier schien unumgänglich.

Nun bot sich ein Versuchsobjekt an, bei dem Vorgänge der Genregulation zu den natürlichen Abläufen gehören: der Embryo. In der Oktoberausgabe der amerikanischen Wissenschaftszeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences berichten Thomas Wagner von der Universität Ohio und Peter Hoppe vom Jackson Laboratory in Maine über ein Experiment, bei dem es gelang, ein Kaninchen-Gen auf Mäuse-Embryonen zu übertragen.

Das Gen trägt die Information für Kaninchen-Betaglobin, einem wesentlichen Bestandteil des roten Blutfarbstoffs. Das Erb-Stück wurde jeweils etwa zwanzigtausendfach in Bakterien vermehrt und dann in insgesamt 312 kurz zuvor befruchtete Mäuse-Eizellen eingespritzt. Im Gegensatz zu den Zellen ausgewachsener Tiere erleichtern offenbar bestimmte Abläufe in Eizellen, bei denen das männliche Erbmaterial auf die Verschmelzung mit dem weiblichen Zellkern vorbereitet wird, den Einbau fremder Erbsubstanz in die Chromosomen.

Von den manipulierten Eizellen wuchsen 211 zu Embryonen heran und wurden dann in insgesamt 21 als Ersatzmütter dienende Mäuseweibchen eingepflanzt. Elf Ammenmütter wurden trächtig und warfen insgesamt 46 Mäusekinder. Blutuntersuchungen ergaben, daß bei mindestens fünf Tieren die Gen-Übertragung eindeutig erfolgreich verlaufen war: Das Kaninchen-Eiweiß konnte in den Mäusen nachgewiesen werden.

Aktiv wird das Gen jedoch nur in Vorstufen der roten Blutkörperchen, dort, wo es auch gebraucht wird. Vorhanden ist es aber offensichtlich in den meisten Zellen der Maus.