Die Sprache bringt es an den Tag. Kaum erkühnen sich junge Menschen, die eingefleischten Doktrinen der Älteren in unserer Republik anzuzweifeln, kaum formiert sich ihr Protest zu einer Massenbewegung, da gehen Politikern wie Publizisten die Sicherungen durch. Leute, die sehr wohl eines differenzierten Urteils fähig sind und Zweifel an ihrer demokratischen Gesinnung als beleidigend empfänden, lassen plötzlich ihren bürgerlichen Vorurteilen die Zügel schießen. Sie verfallen in eine denunziative Sprache, die aus der Mottenkiste des Kalten Krieges oder, schlimmer noch, aus dem Wörterbuch des Unmenschen stammen könnte.

Diese erschreckende Bedenkenlosigkeit in der Wahl der Worte ist bei Leuten verschiedener Couleur anzutreffen. Es war ein sozialdemokratischer Bürgermeister, der 1968 angesichts der Studentenrevolte mit zwei unbedachten Sätzen ("Ihr müßt diese Typen sehen. Ihr müßt ihnen ins Gesicht sehen") bürgerliche Lynchinstinkte weckte. Es war ein christdemokratischer, nicht etwa ein christlich-sozialer Spitzenpolitiker, der die Bonner Friedenskundgebung als "Volksfront-Erlebnis" abqualifizierte.

"Man sollte viele Worte des nazistischen Sprachgebrauchs für lange Zeit, und einige für immer, ins Massengrab legen", wünschte sich vor 35 Jahren Victor Klemperer, der die "LTI", die Lingua Tertii Imperi, die Sprache des Dritten Reiches, als Gattung entdeckt hat. Ach, es war ein frommer Wunsch. Wider den Geist der Zweiten Republik wurde schon früh und viel gesündigt: zur Zeit der "Ohne-mich"-Bewegung, bei den Auseinandersetzungen um die Ostverträge, bei der Hatz nach Terroristen und ihren vermeintlichen Freunden. Sollte man schon den Politikern solch verbale Rückfälle in Deutschlands finsterste Epoche nicht durchgehen lassen, so darf man erst recht nicht den publizistischen Wächtern unserer politischen Kultur gestatten, daß sie ihre Polemik an dem Niveau von Hitlers "Mein Kampf" und der Nazi-Wochenschau ausrichten.

So ist es betrüblich zu hören, was ein namhafter Chefredakteur, Ludolf Herrmann, seines Zeichens christlicher Wertkonservativer, in einem Kommentar für den Bayerischen Rundfunk an Impressionen in den Äther entlassen hat. Erfüllt von Widerwillen gegen die Masse Mensch, verstört durch das Erlebnis des Isoliertseins inmitten von lauter Andersdenkenden, Andersartigen, Andersaltrigen, doch eingedenk des Heiligen Franziskus, der nur eine Aggression gekannt habe, "nämlich die Liebe", entluden sich seine eigenen Aggressionen in einer Art, die eben diesen Geist der Bergpredigt vermissen ließ. Der Kommentator verlor sich auf das Feld der Psychologie, bemühte Kriterien der Physiognomie, der Konstitutionsforschung, der Sexualkunde, um sich und seinen Hörern das Verhalten von Kindern und Heranwachsenden zu erklären: Typisch für den Durchschnittsdemonstranten scheint ihm "eine gewisse Schlampigkeit der Kleidung", "auch die Haltung der Körper, ein leicht vorgeneigter, in gekrümmten Schultern schwingender, unfreier Gang". Da flattert, im besten Stürmer-Stil, "für Momente der Massenerotik die kleine, rachitische Seele aus dem Gefängnis des pickligen Körpers", da findet er unter einem Baum "ein Friedenspärchen in der Haltung des Koitus, sein Becken senkt sich mit den Konvulsionen der Musik auf das ihre". Ihn plagt die Vorstellung, der Masse könne sich, wie einst im Sportpalast bei Goebbels’ Rede vom totalen Krieg, "ein orgiastischer Schrei" entwinden.

Wer so schreibt, muß wissen, was er tut. Wer, wie Herrmann, unter Hunderttausenden von Pazifisten "latenten Faschismus" ausmacht, wer, wie soeben Franz Josef Strauß, die Bonner Friedenskundgebung als "umgekehrter Reichsparteitag" bezeichnet, läßt es nicht nur an Anstand fehlen, er verwechselt auch die politischen Maßstäbe, begeht selber das Übel, dessen er andere bezichtigt. Überraschend viele häßliche Gesichter will Ludolf Herrmann im Bonner Hofgarten gesehen haben – die Bilder strafen ihn Lügen –, doch wen wundert’s, wo er doch selber, verängstigt, in seine Worte hineinlegte, was ihn unbewußt bewegte – Haß.

Karl-Heinz Janßen