In einer Stadt, in der man singt und lacht, gab es einmal einen Verleger, der ließ sich den „Springer von Rhein-Main“ nennen. Ähnlich wie sein Vorbild Axel Caesar hatte er, wenn auch in bescheidenerem Maße, im Laufe der Jahre etliche Blätter zusammengekauft und in zwei großen Städten des Landes die publizistische Vorherrschaft gewonnen. Daß er gern den Kapellmeister spielte und die Leute nach seiner Melodie singen und tanzen ließ, störte viele. Seine Auftraggeber aber ließen ihn gewähren, weil die Kasse klingelte.

Doch eines Tages war die Zeile mit dem Namen des Verlegers aus dem Impressum seiner Zeitungen verschwunden. In der Stadt, in der es keine publizistische Konkurrenz mehr gab, die hätte informieren können, kursierten statt dessen Gerüchte. Von einem Nacht-und-Nebel-Rausschmiß war die Rede, von plötzlichem Schreibtisch-Räumen, Hausverbot und gigantischen Fehlinvestitionen.

Die Geschichte spielt zwischen 1962 und dem 1. Oktober dieses Jahres, der Kapellmeister heißt Walther Zech, das Orchester Mainzer Verlagsanstalt und Druckerei Will & Rothe GmbH & Co KG und der Tatort Mainz, die Hauptstadt des seit seinem Bestehen CDU-regierten Bundeslandes Rheinland-Pfalz.

Die Gerüchte freilich lassen sich nur schwer dingfest machen. Peter Hanser-Strecker, Musikverleger (B. Schott’s Söhne) und als Vertreter des Hauptgesellschafters (18,43 Prozent des GmbH-Kapitals von 100 000 Mark und 18,38 Prozent des KG-Kapitals von 22 Millionen Mark) seit Ende Juni dieses Jahres Vorsitzender jenes Beirats, der in der Zeitungsgruppe Rhein-Main-Nahe die Funktion des Aufsichtsrats hat, nennt die Ablösung einen völlig „normalen Vorgang“. Für seinen Stellvertreter, den Kaufmann Harald Dombrowski vom Frankfurter Einkaufskontor des Nahrungsmittelgroßhandels, ist sie „kein Stoff“ der Berichterstattung. Und ein Mitgesellschafter wie der Mainzer Lehrer Nikolaus Schwalbach hält Fragen überhaupt für unangebracht. Für Walther Zech hingegen ist das alles „bei Gott nicht normal“. Zur Rhein-Main-Nahe-Gruppe gehören die Allgemeine Zeitung in Mainz mit 17 Kopf blättern und einer Auflage von knapp 206 000 Exemplaren, der Wiesbadener Kurier mit gut 68 000 Exemplaren und drei Anzeigenblätter, die auf 380 000 Exemplare kommen.

Zech galt fast zwei Jahrzehnte lang als einer der mächtigsten und eigenwilligsten Verleger von Regionalzeitungen in der Bundesrepublik. „Mit seinem Namen“, schrieb die Frankfurter Allgemeine (die 1949 aus der Allgemeinen Zeitung hervorging und bis 1955 zu 49 Prozent in deren Besitz war) zu Zechs 60. Geburtstag im November 1978, „ist der Aufbau der Zeitungsgruppe Rhein-Main-Nahe... eng verbunden.“

Nach Banklehre und Tätigkeiten als Verlagskaufmann bei der Welt in Essen sowie als Verlagsdirektor beim Fachzeitschriften-Verlag und beim VDI-Verlag in Düsseldorf holte ihn der damalige Beiratsvorsitzende, der Mainzer Lebensmittel- und Weinhändler Rudolf Christ (dessen Familie unter den 33 Gesellschaftern nach wie vor eine führende Rolle spielt) 1962 als alleinigen Geschäftsführer in die aufstrebende Zeitung. 1965 wurde Zech mit einer Einlage von 48 000 Mark, die im Laufe der Jahre auf 310 000 Mark aufgestockt und jetzt zurückgegeben wurde, auch Kommanditist und durfte sich fortan, Verleger nennen.

Sehr bald machte Zech durch seine aggressive Geschäftspolitik von sich reden. Er kaufte Blätter wie den Wiesbadener Kurier die Main-Spitze und die Raunheimer Zeitung und dehnte mit Kopfblättern der Allgemeinen Zeitung sein Revier immer weiter nach Rheinland-Pfalz und Hessen aus. Heute reicht der Einfluß der AZ von der Ahr bis nach Worms, von Bad Kreuznach über Darmstadt bis zum Odenwald. In Mainz hat die AZ als Lokalzeitung ein Monopol, in der zweiten Landeshauptstadt, Wiesbaden, erscheinen nur der AZ-eigene Wiesbadener Kurier und das AZ-Kopfblatt Wiesbadener Tagblatt.

Kein Wunder, daß die Politiker sprangen, wenn Walther Zech rief. Als 1975, anläßlich des 175jährigen Jubiläums der Allgemeinen Zeitung, im Mainzer Vorort Mombach ein neues Druckzentrum mit (heute umstrittenen) Hochdruckmaschinen für 25 Millionen Mark eingeweiht wurde, erschienen rund tausend Ehrengäste, darunter die Ministerpräsidenten von Rheinland-Pfalz und Hessen, damals noch Kohl und Osswald, sowie Bundeswirtschaftsminister Hans Friderichs.

Seine Macht bewies Zech auch in personalpolitischen Fragen. Als er 1965 den Wiesbadener Kurier übernommen hatte, hatte er einen Chefredakteur vor sich, der ihm offenbar nicht paßte, der aber von seinem früheren Verleger mit einem Lebensvertrag ohne ordentliche Kündigungsmöglichkeit ausgestattet war. „Nach zahlreichen Querelen“, so die Zeitschrift Der Journalist, erhielt der Redaktionschef Mitte März 1967 dennoch die Kündigung – fristlos, wegen angeblicher Störung des Betriebsfriedens. Nach zwei Gerichtsinstanzen wurde ein finanzieller Vergleich geschlossen. Auch der Chefredakteur der Allgemeinen Zeitung hielt es nicht mehr lange aus, nachdem Zech gekommen war. Und dessen Nachfolger verließ den Mainzer Verlag bereits nach einem halben Jahr.

Wenig Kompromißbereitschaft zeigte Zech ebenfalls in den Tarifverhandlungen mit den Gewerkschaften – mit der Folge, daß die AZ bei den Aktionen der IG Druck und Papier Ende der siebziger Jahre stets von Schwerpunktstreiks betroffen war.

Die Geduld der Eigner dauerte lange. Zech scheint sie erstmals überstrapaziert zu haben, als er 1977 bundesweit negative Schlagzeilen machte. Damals wehrte sich der selbstherrliche und erzkonservative Verleger mit Mitteln, die PEN-Präsident Walter Jens als den Versuch bewertete, „Recht mit rechts“ zu identifizieren, gegen die Verleihung der Ehrenbürgerwürde der Mainzer Universität an die aus Mainz gebürtige, jetzt in Ost-Berlin wohnende kommunistische Schriftstellerin Anna Seghers. In einem zehnseitigen Brief an den angesehenen Universitätspräsidenten Professor Schneider schrieb er, „... die politisch orientierten und verantwortlich denkenden Bürger, nicht nur in Mainz, haben den Eindruck, daß sie ihr eigenes Fehlverhalten immer noch nicht richtig erkennen“. Eine Kopie des Briefes, dessen Stil und Inhalt sich kaum mit den Interessen des kulturbewußten, international renommierten Musikverlags Schott vereinbaren ließen, schickte Zech zudem an mehrere Dutzend Bundesbürger, darunter an Axel Caesar Springer, mit der Aufforderung, ,,...ihm (Schneider) behilflich zu sein, in Zukunft überlegter zu handeln und das Richtige zu tun“.

Im Juli 1980 wurde Zech ein gleichberechtigter Geschäftsführer, Gerhard Schmidt, an die Seite gestellt, und es wurde – so stellt es jedenfalls Zechs Nachfolger und langjähriger Berater Eckhard Kentsch, 37, fest – eine Vereinbarung getroffen, nach der Zech abzutreten habe, wenn ein zweiter Geschäftsführer gefunden sei. Kentsch begann seine Arbeit am 20. Mai dieses Jahres. Doch Zech zog sich nicht zurück.

Das scheinbar dramatische Ende des Verlegers Walther Zech begann, als nach dem Tode von Rudolf Christ auch die junge Generation der Erben die Herrschaft im Beirat übernahm.

Sie einigten sich darauf, Zech zu Einsichten zu zwingen, die er selber nicht haben wollte. Nach der Beiratssitzung vom 1. Oktober wurde dem 62jährigen die Entscheidung präsentiert. Bereits einen Tag danach war in der AZ die lapidare Notiz zu lesen, daß „nunmehr der langjährige Geschäftsführer Walther Zech nach Erreichung der Altersgrenze seine Tätigkeit beenden“ werde. Heidi Dürr