Man könnte Gollwitzer fragen, ob er wirklich ernsthaft meint, das Verfügungsrecht über die Existenz einer Bevölkerung müsse erst in fremde Hände fallen, um ein Unrecht zu werden – als wäre nicht dieses Verfügungsrecht selbst schon der Skandal. Man könnte ihn um eine Erklärung bitten, woraus er denn die sonderbare Zuversicht schöpft, eine vom Ausland unabhängige Bundesregierung würde auf die Bevölkerung insgesamt und vor allem auf Gollwitzer selber mehr Rücksicht nehmen. Nicht von fremden Mächten, sondern von deutscher Polizei, von der Gestapo und der SS wurden die Menschen, an die wir uns erinnern, ermordet und vertrieben. Im Ausland fanden manche Asyl. Daß wir hier weitgehend unbehelligt leben können, verdanken wir keiner

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deutschnationalen Souveränität, sondern dem Sieg der Alliierten. Und vor Jahresfrist hat man gewünscht, im Falle eines Wahlsieges von Strauß werde das Ausland, notfalls der CIA, das Schlimmste verhüten.

Wenn Albertz jetzt öffentlich hofft, daß der Patriotismus in Deutschland nie ganz verlorengegangen sei, so ist dem entgegenzuhalten, daß sich zwar niemand das Land, in dem er geboren, und die Sprache, in der er erzogen wird, aussuchen kann. Die Entscheidung aber, jene Zufallsbedingungen, denen er seine Existenz verdankt, zu schätzen oder zu verfluchen, steht jedem frei. Wer Gründe findet, ausgerechnet dieses Land zu schätzen, soll sie nennen. Wer keine findet und trotzdem liebt, soll schweigen, was jemanden im Innersten seines Herzens bewegt, geht uns nichts an. Und wenn die „taz“, im Zusammenhang mit der Friedensbewegung, fragt: „Warum haben wir 36 Jahre nach dem 2. Weltkrieg noch immer keinen Friedensvertrag?“, dann ist neben dem Erstaunen über das nationale „Wir“ im Alternativblatt die Gegenfrage berechtigt: Warum wurde Deutschland damals nicht einfach unter seine Anlieger aufgeteilt – für Auschwitz und 50 Millionen Tote ein vergleichsweise bescheidener und vor allem unblutiger Preis.

So könnte man also lange und geduldig fragen, argumentieren, erklären – wenn die Matadore der neuen Friedensbewegung statt routinierter Veteranen unwissende Anfänger wären. So könnte man Irrtümer aufdecken und korrigieren, so könnte man manierlich über Strategie und Taktik diskutieren – wenn jene Linken, die plötzlich deutschnationale Phrasen im Munde führen, wenigstens windige Opportunisten und durchtriebene Taktiker wären und nicht das, was sie sind, nämlich aufrechte, grundehrliche, treu- und reinherzige Überzeugungstäter. Längst ehe man von der Nachrüstung, der Neutronenbombe und der Friedensbewegung sprach, haben sie, die im Gegensatz zu Millionen von der Not vertriebenen Ausländern in der Bundesrepublik ihr Sprachgebiet nie verlassen mußten und meistens seit Jahren schon im selben Kaff und in derselben Wohnung nisten, ihrer angeblich verlorenen Heimat nachgeflennt.

Wenn Piwitt in konkret meint: „Dieses gedrückte Nationalgefühl der Deutschen rührt auch daher, daß ihnen die revolutionären nationalen Traditionen abgeschnitten wurden“, so ist dies – weil niemand anders als die Deutschen selber ihre (falls überhaupt vorhandenen) revolutionären Traditionen abgeschnitten haben und weil einer den Finger hinhalten muß, damit ihn ein anderer einfach abschneiden kann – eine weinerliche Lüge, die weder dem Frieden noch der Abrüstung dient, sondern einzig dem Gemütshaushalt ihres Erfinders. Wenn Piwitt, der Mann mit der Moralinspritze und dem Zeigefinger, fortfährt: „Dadurch entstand diese amerikahörige Kultivation, dadurch entstand diese Yankee-Sprache, die mit ,fighting‘ und ‚dope‘, ‚Power‘ und ‚message‘ uns selbst dort noch beherrscht, wo wir Widerstand leisten“, dann kommt er mit seinem Vorschlag, die deutsche Sprache von Amerikanismen, also Fremdwörtern zu reinigen, natürlich wieder mal zu spät. Die deutsche Schlagerwelle ist längst am Rollen. Wenn der linke Schriftsteller Gerd Fuchs im Gespräch mit Piwitt, abgedruckt in konkret, behauptet: „Diese Leute haben uns die Ehre abgeschnitten. Ein ganzes Volk haben sie zu ihren Komplizen gemacht. Das ist eine ideelle und auch politische Vergiftung“ – dann braucht es gar nicht klarzuwerden, ob er mit „diesen Leuten“ die amerikanische Regierung, die Bundesregierung oder die Nazis meint. Dies Volk jedenfalls hat nichts Böses getan, man hat es nur aufs Kreuz gelegt und verführt, und Schuld hatten immer die anderen. Wenn Piwitt schließlich das deutsche Kulturerbe tapfer gegen die Überfremdung verteidigt, indem er herzzerreißend über die Besetzung seiner Heimat durch die „Yankee-Kultur“ stöhnt, und wenn er dann jene Frage stellt, welche die Hauptnutznießer wirklicher Ausbeutung und Unterdrückung in der Dritten Welt offenbar am meisten quält: „Also: wie kann ich mich wehren gegen den täglichen Kolonialismus?“ – dann tut er genau das Richtige, freilich am einzigen falschen Ort auf der ganzen Erde.

Mögen anderswo dem amerikanischen Kulturimperialismus die tradierten Lebensformen ganzer Nationen zum Opfer gefallen sein – in Deutschland aber begann mit dem amerikanischen Kulturimperialismus nicht die Barbarei, sondern die Zivilisation. In diesem Land ist jede weitere Filiale der McDonald-Hamburgerkette eine neue Insel der Gastfreundschaft und eine erfreuliche Bereicherung der Eßkultur. Die USA wegen ihrer Rüstungspolitik und ihrer Unterstützung für so ziemlich sämtliche Folterregime auf der ganzen Welt anzugreifen ist eine Sache, aber der Satz, wonach „in einer einzigen Symphonievon Beethoven mehr Kultur liege, als ganz Amerika bisher zusammengebracht hat“, stammt von Hitler, und der Jazz war hier schon mal verboten. Im Dritten Reich galt Amerika als ordinäres, vielsprachiges Rassengemisch, und dabei ist es, wie man aus dem gehässigen Wörtchen „Yankee-Kultur“ schließen muß, geblieben. Die großen politischen Verbrechen, die von Deutschland begangen wurden, entbinden uns nicht von der Pflicht, die kleineren Amerikas anzugreifen. Aber jener begründete Protest gegen die US-Politik ist hier bloß reaktionär, wenn er eine kleine Tatsche vergißt: Hätte Deutschland jemals die militärischen Machtmittel der Vereinigten Staaten besessen, würde auf diesem Planeten niemand mehr leben. Den Protest gegen den Vietnamkrieg – wie lang ist das schon her – haben wir noch im Zusammenhang mit dem deutschen Faschismus begriffen. Kein Deutscher, der sich so nennt, hat das Recht, Amerika zu richten. Wer in Deutschland lebt und trotzdem zu den Verbrechen, die überall auf der Welt begangen werden, nicht schweigen will, muß zuallererst auf seine Nationalität verzichten. Die Deutschtümelei und die nationale Demagogie, welche die neue Friedensbewegung gegen die Nachrüstung und die Neutronenbombe angeblich stärken sollen, entziehen ihr in Wahrheit jede moralische und politische Legitimation.