Von Cheryl Benard und Edit Schlaffer

Über die Lage von Frauen in der Dritten Welt zu schreiben, strapaziert das Artikulationsvermögen einer Europäerin sehr. Erstens ist es sprachlich schwierig. Und wir wissen, wie allergisch die öffentliche Meinung auf klareFormulierungen reagiert, von drastischen Schlußfolgerungen ganz zu schweigen. Zweitens waren wir, das müssen wir selbstkritisch zugeben, nicht sparsam genug mit unseren Wörtern. Sorglos und unökonomisch haben wir all unsere Begriffe ausgestreut, sprachen von Vergewaltigung und Gewalt in der Ehe, von politischen und wirtschaftlichen Ungerechtigkeiten, von Pornographie, die in der Verstümmelung und Erniedrigung und Gewalt ihre Erregung findet, von phallokratischer Tyrannei. Wörter wie Frauenhaß und Genozid fielen, wenn wir uns die Statistiken über Mord und Vergewaltigung, über Tod infolge von illegalen und verpfuschten Abtreibungen ansahen. Wir sprachen von Unterdrückung, Ausbeutung und Sexualhaß.

Welche Wörter bleiben uns jetzt, wenn wir davon sprechen wollen, daß zehnjährige Mädchen verheiratet werden an Männer, die mindestens doppelt so alt sind und die von anderen ausgesucht wurden; daß sie 14 Kinder bekommen, von denen die Hälfte stirbt; daß sie in ihrem ganzen Leben kaum ihr Haus verlassen dürfen?

Wie sollen wir davon sprechen, daß neugeborene Mädchen in weiten Teilen der Erde durch gezielte Vernachlässigung oder durch Aussetzung getötet wenden?

Wie wollen wir es nennen, wenn Millionen von Mädchen mit primitivem Werkzeug Verstümmelungen ihrer Geschlechtsorgane erleiden, weil man sich von der Entfernung dieser Körperteile auch die Vernichtung jedes Anreizes zum Ehebruch verspricht?

Mit welcher Empfindung wollen wir darauf reagieren, daß den Mädchen fast überall auf subtile und auf massive Weise ihr minderer Wert vermittelt wird: daß sie zu essen bekommen, was übrig bleibt, daß sie Männern auf vielfache Weise ihre Demut und Achtung zeigen müssen, daß sie kürzer leben, daß ihnen in ihrem kürzeren Leben weniger Freude und Freiheit gegönnt wird?

Wenn man sich die religiösen Traditionen, den Alltag, die normale Behandlung dieser Frauen und Mädchen ansieht, regt die Vernunft sich auf, und der Gerechtigkeitssinn empört sich. Man ist versucht, Sätze zu schreiben, in denen das Los von Frauen in diesen Ländern mit dem Schicksal von politischen Häftlingen und von Kriegsgefangenen verglichen wird; mit Parias; mit Sklaven. Sie müssen ihr Haupt beugen und ihren Kopf bedecken; sie müssen sich verstecken; sie dürfen die Welt nicht sehen, und wenn, dann nur durch das Gitter absurder Verschleierungen; sie dürfen nichts lernen, nicht lesen, nichts wissen, nichts sagen, sie sollen still sein und untertänig und keusch natürlich, das ist besonders wichtig. Man kann dann Zorn spüren, Haß vielleicht sogar für diejenigen, die soviel mehr haben an Kraft und Wissen und Bildung und Macht und Chancen und Achtung, für die Männer also, die so viele Vorteile haben und so wenig großzügig sind. Die sie vielleicht lieben könnten – ihre Töchter, ihre Frauen –, die sie aber bereit sind, zurückzustoßen im Namen einer männlichen Überlegenheit. Die offenbar sehr fragil ist und sehr bedroht; die offenbar auf den sehr wackligen Beinen eines eingewickelten und eingeschüchterten zehnjährigen Mädchens steht und dort zu Fall kommen kann. Und wenn wir eine Verallgemeinerung wagen wollten, dann könnten wir vielleicht sagen, daß Männer die schlechtesten Sieger sind, die die Weltgeschichte jemals gesehen hat. Je hilfloser ihr Gegenüber, desto weniger Gnade bringen sie auf.