Bis vor kurzem galt er als wichtigster Berater des Siemens-Vorstandsvorsitzenden Karlheinz Kaske in allen Fragen der Elektronik: Friedrich Baur, 54, Leiter des Unternehmensbereichs Bauelemente. Anfang dieser Woche nahm er seinen Hut, oder im Siemens-Deutsch: Das Vorstandsmitglied Friedrich Baur „hat den Vorsitzenden des Aufsichtsrats der Siemens AG ersucht, ihn von seinen Pflichten zu entbinden“. Darüber wird dieses Gremium in seiner Sitzung am 11. November entscheiden.

Siemens-Chef Kaske wechselt damit den zweiten Unternehmensbereichsleiter aus. Erst Ende Mai hatte der Chef der hochdefizitären Datenverarbeitung, Anton Peisl, 51, zurück ins zweite Glied treten müssen. Als neuer Chef dieses Bereichs wurde der Energietechniker Claus Kessler, ebenfalls 51, von Erlangen nach München geholt: ein Mann, der offenbar das besondere Vertrauen seines früheren Unternehmensbereichs-Chefs Kaske genießt.

Die Ablösung Baurs, dessen Bruder Hans ebenfalls dem Siemens-Vorstand angehört und in der Kommunikationstechnik für den Geschäftsbereich Fernsprechsysteme zuständig ist, erregt aber mehr Aufsehen als Peisls Degradierung. Sein überraschendes Ausscheiden läßt sich nur mit den unerwartet großen Schwierigkeiten erklären, mit denen die Sparte Bauelemente gegenwärtig zu kämpfen hat – gewiß nicht nur aus konjunkturellen Gründen, auch wenn die weltweite Flaute die Krise ausgelöst hat. Baur hatte wohl die Chancen des USA-Geschäfts überschätzt und die Risiken unterschätzt. So wurde vor kurzem beschlossen, die Fabrik in Scottsdale/Arizona wieder zu verkaufen (ZEIT vom 23. Oktober). Nachdem der Unternehmensbereich Bauelemente 1979/80 nach Angaben der Pressestelle noch mit einem Gewinn abgeschlossen hatte, machte er im Geschäftsjahr 1980, das am 30. September zu Ende ging, „einen Verlust“ – über dessen Höhe schweigt man sich aus. „Maßnahmen zur Ergebnisverbesserung sind bereits eingeleitet“, heißt es. Wer sie – als Baur-Nachfolger – durchziehen soll, ist offen.

Siemens hat damit neben der Datentechnik eine zweite Problembranche. Die Verluste beim Verkauf von Computern waren 1980/81 höher als im Vorjahr, und da lagen sie schon über hundert Millionen Mark. Die Siemens-Computer haben in den vergangenen zehn Jahren nur Geld gekostet, der Bereich arbeitete nie mit Gewinn.

Angesichts der langjährigen Verluste in der Datentechnik überrascht, daß der bisher so verdienstvolle Baur schon nach den ersten roten Zahlen den Hut nehmen muß. War der Verlust so hoch, so unerwartet, oder legt Kaske bei ihm besonders harte Maßstäbe an?

Der fleißige, in seinem Metier sehr beschlagene Friedrich Baur galt bisher als Manager ohne Fehl und Tadel. Bei Kaskes Vorgänger Bernhard Plettner genoß er, das versichern Insider, höchstes Ansehen. Er plädierte mit Plettners Segen dafür, fehlendes Know-how lieber einzukaufen, statt teuer und zeitraubend selbst zu entwickeln, was andere bereits haben. So hat er Siemens in den siebziger Jahren durch die Zusammenarbeit mit der US-Firma Intel fortschrittliche Mikroprozessor-Technologie gesichert.

Baur war auch Hauptfürsprecher einer gesellschaftsrechtlichen Verbindung zwischen Siemens und seinem Bauelemente-Großkunden Grundig. Der Plan, den deutschen Multi ebenso wie den holländischen Philips-Konzern im Austausch gegen Siemens-Aktien mit 24,5 Prozent bei der Grundig-Holding zu beteiligen, ist vorerst allerdings auf Eis gelegt – „aus persönlichen Gründen“, wie Max Grundig in der vorigen Woche etwas ausweichend kundtat. Max Grundig hatte sogar vor über einem Jahr, als seine Management-Spitze wieder einmal vakant war, mit dem Gedanken geliebäugelt, Friedrich Baur dafür anzuheuern. Aber dies konnte er Plettner nicht antun. Und auch ein anderer Selfmademan, Ludwig Bölkow, hat guten Bekannten gegenüber kein Hehl daraus gemacht, wen er am liebsten nach sich auf dem Chefstuhl von Messerschmitt-Bölkow-Blohm sehen würde: den Elektronik-Profi Baur.