Von Karl Moersch

Die Amerikaner haben einst ihre Kriegsgefangenen bei der Entlassung mit Zertifikaten versehen, die einen Anspruch auf Arbeitslohn bescheinigten oder die Teilnahme an Fortbildungskursen bestätigten. „To whom it may concern“ stand darüber. Auf dem Vorsatzblatt einer autobiographischen Betrachtung, die zu den wichtigsten Neuerscheinungen dieses Herbstes gezählt werden muß, fehlt jeder Hinweis auf die Adressaten. Dennoch hatte ich den Eindruck, daß über jeder der 396 Textseiten in unsichtbaren Lettern der Hinweis stehe: „An alle, die es angeht.“

Das sind vor allem Politiker jeder Coleur, Angehörige des Auswärtigen Dienstes und Journalisten, die ihren Beruf als Aufgabe und nicht nur als Erwerbsquelle betrachten. Der Titel dieser Neuerscheinung:

Paul Frank: „Entschlüsselte Botschaft. Ein Diplomat macht Inventur“; Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1981, 400 S., 39,80 DM.

weckt Neugierde. Verspricht er zuviel? Wer die Preisgabe von Staatsgeheimnissen erwartet hat, der wird enttäuscht sein. Wer jedoch Außenpolitik besser kennenlernen und verstehen will, der wird nicht behaupten können, er vergeude mit der Lektüre seine Zeit.

Paul Frank, der ehemalige Staatssekretär des Auswärtigen Amtes und Chef des Bundespräsidialamtes in der Amtszeit des Bundespräsidenten Walter Scheel, zeigt sich beim Inventurmachen genau so eigenwillig, wie ihn seine früheren Mitarbeiter und Kollegen kennengelernt haben, auch so präzise und, wenn es sein muß, sarkastisch. Was Frank mitzuteilen hat, ist zuweilen in Anekdoten und Erlebnisberichte verpackt, die Personen und Situationen charakterisieren, so etwa, wenn er das Zusammentreffen des voreingenommenen Konrad Adenauer mit einem der Großen unseres Zeitalters, mit Papst Johannes XXIII., schildert.

Vielleicht hat das Vertrautsein mit französischer Literatur und der Vielfalt ihrer Formen den Autor veranlaßt, als Zeitbetrachter und Zeitkritiker eine Verkleidung zu wählen, die Distanz schaffen und eine größere Darstellungsfreiheit geben soll? Angeregt durch Gertrude Stein, die unter dem Namen ihrer Freundin Alice B. Toklas ihre Autobiographie schrieb, schlüpft der aus Hilzingen bei Singen am Hohentwiel stammende Paul Frank nach dem Einleitungskapitel in das Gewand eines erdachten badischen Landsmannes, den er Caspar Hilzinger nennt. So kann er zuweilen einen Disput mit seinem alten ego halten und nebenbei auch auf Caspar Hauser und die eigene Familiengeschichte mit ihrer 48er Tradition verweisen.

Für manchen Leser mag dies zunächst ein wenig befremdlich wirken; der Einfall erweist sich indes als ein probates Stilmittel, um den Kern der politischen Thematik, die dem Leser nahegebracht werden soll, besser zeigen zu können. Mit solcher Verfremdung verschwinden überdies gewisse beamtenrechtliche Hindernisse, die eine gründliche zeitgeschichtliche Betrachtung durch einen politischen Mitakteur erschweren könnten.

Als Paul Frank – nach der Entführung von Koreanern aus der Bundesrepublik – vom damaligen Außenminister Willy Brandt nach Seoul geschickt wurde und diese Mission mit einem kaum erwarteten Erfolg beendete, hörten viele Bonner Politiker zum erstenmal seinen Namen. Die sogenannte Frank-Falin-Formel, ein Ergebnis schwieriger Berlin-Diskussionen mit der sowjetischen Führung, hat dann eine interessierte Öffentlichkeit erneut auf die großen Talente eines Beamten aufmerksam gemacht, der einst von Wilhelm Hausenstein, dem ersten deutschen Geschäftsträger in Paris nach dem Kriege, gegen den Widerstand der auf ihre Routine pochenden Wilhelmstraßen-Generation nach Paris und in den Bonner diplomatischen Dienst geholt worden war. Zuvor hatte Frank an der Universität Fribourg in der Schweiz wissenschaftlich gearbeitet und sich dabei besonders sozialethischen Fragen gewidmet. Er galt als ein Experte für die katholische Soziallehre und auch als ein Kenner französischer Mentalität.

Daß Frank nie einer Partei oder einer studentischen Verbindung und erst recht keiner der Bonner Personal-Seilschaften zugerechnet werden konnte, verschaffte ihm eine bemerkenswerte Distanz zu den jeweils Regierenden. Wer seinen Rat wollte, der wurde von ihm beraten; wer seinen messerscharfen Analysen mißtraute, hat sich fast immer selber geschadet. Der Botschaftsrat Frank in Paris ließ einst die Bonner Zentrale nicht darüber im unklaren, daß die Wiederbewaffnung der Deutschen weder mit dem Wunsch nach Wiedervereinigung noch mit den hochgesteckten Zielen einer europäischen Einigungspolitik in Einklang zu bringen sein werde. Aber gerade weil Frank recht behalten hat, ärgerten sich diejenigen seiner Vorgesetzten über ihn, die in den fünfziger und sechziger Jahren ebenso unablässig wie erfolglos versucht haben, ihre Kenntnisse des Strafprozesses und der deutschen Zivilprozeßordnung auf die Bonner Außenpolitik anzuwenden.

Auf einleuchtende Weise zeigt Frank-Hilzinger dem Leser die Absurdität einiger der wesentlichen politischen Entscheidungen in den Anfangsjahren der Bundesrepublik. Er scheut sich auch nicht, die Vergeblichkeit und Widersprüchlichkeit der Adenauerschen Politik nachzuzeichnen. Da dies nicht in parteiischer Weise geschieht, schon gar nicht polemisierend, sondern durch Darstellung der Fakten, wirkt es überzeugend.

Bei der Charakterisierung handelnder Personen bemüht sich der Autor um Gerechtigkeit. So wird eine einseitig informierte Öffentlichkeit hoffentlich durch dieses Buch angeregt werden, die Verdienste und die Person Heinrich Lübkes mehr als bisher zu respektieren. Auch sein Bericht über Willy Brandt und dessen Fähigkeit und Bereitschaft, wohldurchdachten Rat zu beachten, korrigiert manche törichte Behauptung und Unterstellung kleiner und kleinlicher Geister. Wer Genaueres über die Stärken und Schwächen Egon Bahrs und Zutreffendes über das Agieren Rainer Barzels in der Ostpolitik erfahren will, wird ebenfalls nicht enttäuscht. Aufregend in einem ganz ernsthaften Sinne ist die Auseinandersetzung mit Henry Kissinger und dessen Politikverständnis; Frank lehnt es mit Recht dort ab, wo es Showgeschäft war und ist und, wie im Nahen Osten, die Probleme nicht gelöst, sondern nur verschoben und neue Probleme geschaffen hat.

Die Mitglieder des Deutschen Bundestages, vor allem die Geschäftigen und Vielbeschäftigten, sollten sich mit der politischen Lektion auseinandersetzen, die Frank im Hinblick auf fast dreißig Jahre politisch-diplomatischer Tätigkeit zu geben hat. Ganz besonders wünsche ich mir, daß die politisch Verantwortlichen beherzigen, was Frank über die Funktion und Aufgabe der Supermächte anmerkt. Es müsse, so meint er, eine Politik der Abgrenzung der Interessengebiete zwischen den USA und der Sowjetunion praktiziert werden. Voraussetzung sei, daß der sowjetische Imperialismus auf weitere Expansion über die vereinbarte Grenze hinaus verzichte. Andererseits müßten aber auch die Vereinigten Staaten darauf verzichten, ganze Regionen einseitig zu ihrem Einflußgebiet zu erklären. „Sie müssen sich mit dem Gedanken vertraut machen, die Macht mit der Sowjetunion zu teilen, die mit ihrem Machtpotential gleichgezogen hat.“ Dies sei die Voraussetzung und die praktische Chance für eine allgemeine und kontrollierte Abrüstung.

Die Mahnung eines erfahrenen Diplomaten und Unterhändlers an alle, die es angeht – wird sie gehört und beachtet werden? In Frankreich oder in Großbritannien, soviel scheint sicher, wäre ein Buch dieser- Art ein Hauptgegenstand der öffentlichen Diskussion. Für Bonn und die Bundesrepublik ist das – leider – nicht zu erwarten.

Karl Moersch war von 1970 bis 1976 erst Parlamentarischer Staatssekretär, dann Staatsminister im Auswärtigen Amt