Von Rudolf Walter Leonhardt

Im letzten Jahre des Ersten Weltkrieges fuhr ein deutsches U-Boot in die Themse-Mündung hinein; kurz vor London drehte es ab, noch so eben von den Engländern geortet. Im Zweiten Weltkrieg fuhr ein deutsches U-Boot in die Themse-Mündung hinein und wurde geortet. Als die Meldung die Admiralität erreichte, kommentierte der Offizier vom Dienst: "Schon wieder?"

So gelassen reagierten die Schweden nicht, als ihnen am Mittwoch, dem 22. November, gemeldet wurde: Sowjetisches U-Boot im Sperrbezirk des militärischen Flottenstützpunktes von Karlskrona. Karlskrona gilt als der nächst Muskö (bei Nynäshamn) wichtigste Hafen für die schwedische Marine. Aber das eigentlich Erschreckende war, daß die Meldung nicht von den schwedischen Küstenwachen kam, die doch so stolz sind auf ihre elektronischen Beobachtungsgeräte, Radars und Hygrophone. Die Ortung bediente sich vielmehr, alle technischen Entwicklungen ignorierend, der alten Wikinger-Methode: Ein Fischer an der Küste hatte das gestrandete U-Boot gesehen und die Marine informiert.

Was vorgefallen war, ließ sich so rekonstruieren: Am Dienstagabend näherte sich U 137, ein Boot der in der Nato so bezeichneten Whisky-Klasse, Heimathafen Pillau bei Königsberg (Kaliningrad), der schwedischen Küste, geriet in seichte Gewässer, mußte auftauchen. Es braucht dann noch etwa fünf Meter Wasser unter dem Kiel. Aber es gibt zwischen den schwedischen Schären viele Stellen, wo die Wassertiefe nicht mehr als zwei Meter beträgt. Der U-Boot-Kommandant steuerte eine Fahrrinne meisterhaft, sagen die Experten – bis es ihn dann doch erwischte: auf Grund gelaufen. "Felsen" wurden daraus gemacht; so bot sich das Wortspiel "Whisky on the rocks" an, wodurch das bedrohliche Schiff in die Nähe eines beliebten Bargetränks geriet. In Wirklichkeit saß U137 wohl im Schlamm fest. Aber da es dort keine Flutwelle gibt, die das Boot hätte wieder flottmachen können, und da der Kommandant seine Tanks bereits völlig leer gepumpt hatte, also nicht durch weiteres Leichtermachen das Boot freikriegen konnte, saß er im Schlamm so unrettbar fest, wie er auf Felsen gesessen hätte.

Der Vorgang ist ebenso banal wie mysteriös. Seit langem ist bekannt, daß Sowjet-U-Boote um die Insel Gotland kreisen, halbwegs zwischen der Sowjetunion und der schwedischen Festlandküste. Aber warum eins in den schwer navigierbaren Schärengürtel vor Karlskrona eindringen sollte, ist kaum zu erklären. Um zu erproben, ob es möglich ist, unbemerkt durchzukommen? Es war möglich, oder: Es wäre möglich gewesen, wenn der U-Boot-Kommandant an der kritischen Stelle ein wenig stärker nach Backbord gehalten hätte; zwanzig Meter hätten genügt, sagen die Experten. Um zu photographieren? Die Schweden haben sowjetischen Gästen ihre Küstenverteidigung bereits stolz vorgeführt. Natürlich nicht alles. Aber hätte von einem U-Boot aus mehr erkundet werden können? Man vermutet, die geheimen Küstenbefestigungsanlagen von Hastholmen, östlich Karlskrona, seien das eigentliche Ziel der Erkundung gewesen. Aber wiederum: Was läßt sich da von einem U-Boot aus erkunden? Und: Beabsichtigt die Sowjetunion etwa einen Angriff auf Schweden? Freilich, Spionage hat ihre eigenen Gesetze, da sind Common-sense-Fragen wie "Warum?" nicht erlaubt.

Dennoch, und wie immer das Unternehmen gemeint gewesen sein mag: Wenn ein Spionage-Auftrag vorlag, warum wurde dann ein bald zum Verschrotten reifes U-Boot dafür eingesetzt mit einem offensichtlich nicht sehr erfahrenen 35jährigen Kommandanten? Und, viel allgemeiner gefragt: Welches Interesse kann die Sowjetunion daran haben, die von ihr zum "Meer des Friedens" ausgerufene Ostsee derart in Mißkredit zu bringen, alle Bemühungen um eine atomwaffenfreie Zone in den nordischen Ländern zu torpedieren, der schwedischen Marine im nächsten Budget zu einer Aufbesserung ihres Etats zu verhelfen und ihr vielleicht auch neue Rekruten zu gewinnen?

Klar scheint, um es mit Tennyson zu sagen: Someone has blundered – irgend jemand hat da Mist gemacht. Wahrscheinlich U-Boot-Kommandant Pjotr Guschin, dessen Erklärung, die Navigation habe versagt, der Kompaß sei kaputtgegangen, freilich so naiv klingt, daß man sich fragt, wo einer die Chuzpe hernimmt, solchen scheinbar sich selber dekuvrierenden Unsinn zu erfinden.