/ Von Heinrich August Winkler

Mit Biographien großer Männer gehen Verleger selten ein finanzielles Risiko ein: Keine andere historische Darstellungsform ist beim lesenden Publikum stärker gefragt. Was aber, wenn Lebensbeschreibungen von Menschen auf den Markt kommen, deren Namen nur noch wenigen Experten geläufig sind? Wem beispielsweise ist Felix Fechenbach ein Begriff? Daß der Verlag Kiepenheuer und Witsch über diesen weithin Unbekannten soeben ein Buch herausgebracht hat, zeugt von Mut und verdient Anerkennung. Denn Fechenbach ist zu Unrecht vergessen worden:

Hermann Schueler: "Auf der Flucht erschossen. Felix Fechenbach 1894–1933. Eine Biographie". Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln 1981, 303 S., 48,– DM.

Schlagzeilen hat der sozialdemokratische Journalist Felix Fechenbach vor allem im Herbst 1922 gemacht. Am 20. Oktober jenes Jahres verurteilte ihn das Münchner "Volksgericht" wegen Landesverrats zu elf Jahren Zuchthaus und erkannte ihm auf zehn Jahre die bürgerlichen Ehrenrechte ab. Der zentrale Punkt der Anklage Im April 1919 hatte Fechenbach einem Schweizer Journalisten ein Dokument überreicht, das nach Meinung der politischen Rechten Deutschland belasten mußte. Es handelte sich um ein Telegramm des bayerischen Gesandten beim Vatikan vom 24. Juli 1914. Knapp vier Wochen nach der Ermordung des österreichischen Thronfolgers in Sarajewo berichtete darin der Diplomat aus Rom, Papst Pius X. billige ein scharfes Vorgehen Österreichs gegen Serbien und schätze im Fall eines großen Krieges die Schlagkraft der russischen und der französischen Armeen nicht hoch ein. Das Telegramm wurde Ende April 1919 im Pariser Journal veröffentlicht. Fechenbach habe, so befand das Gericht, durch die von ihm lancierte Aktenpublikation der alliierten "Kriegsschuldlüge" Vorschub geleistet und sei dadurch zum Landesverräter geworden.

Das Münchner Urteil war ein Justizskandal – einer der größten in der an politischen Tendenzurteilen so reichen Geschichte der Weimarer Republik. Fechenbach, 1894 als Sohn jüdischer Eltern in Mergentheim geboren und in Würzburg aufgewachsen, hatte sich schon vor dem Ersten Weltkrieg der Sozialdemokratie angeschlossen und nach 1914 auf die Seite jener geschlagen, die in Opposition zur "Burgfriedenspolitik" der Parteiführung standen. Sein Mentor war der Unabhängige Sozialdemokrat Kurt Eisner, nach dem Novemberumsturz von 1918 Bayerns erster republikanischer Ministerpräsident.

Als Sekretär – heute würde man sagen: persönlicher Referent – Eisners gelangte Fechenbach in den Besitz offizieller Aktenstücke zur deutschen Politik aus der Zeit vor dem August 1914. Sie bestätigten, was die Unabhängige Sozialdemokratie lange zuvor behauptet hatte: Der Krieg war Deutschland nicht aufgezwungen, sondern von der Reichsführung bewußt herbeigeführt worden. Wie Eisner selbst, glaubte auch Fechenbach, nur durch rückhaltlose Aufdeckung des deutschen Anteils am Kriegsausbruch könne sich das neue Deutschland Vertrauen bei den Siegermächten erwerben. Da die revolutionäre Reichsregierung, der "Rat der Volksbeauftragten" in Berlin, nicht die nötigen Initiativen ergriff, handelte Eisner auf eigene Faust. Er veröffentlichte bayerische Dokumente zum Kriegsausbruch, die die ehemaligen Kabinette in Berlin und Wien kömpromittierten.

Kürzungen, die Eisner ohne politische Nebenabsicht vornahm, erleichterten es seinen Gegnern, ihm eine gezielte Fälschung zu unterstellen. Die Haßkampagne gipfelte in der Ermordung Eisners am 21. Februar 1919 durch den Grafen Arco-Valley. Fechenbach sah sich in der Rolle eines politischen Testamentsvollstreckers, als er wenig später seinen Beitrag zur Klärung der Kriegsschuldfrage zu leisten versuchte. Das Telegramm aus der bayerischen Gesandtschaft beim Vatikan, das er zur Veröffentlichung freigab, sagte über die Politik der Reichsleitung direkt zwar nichts aus, aber Fechenbachs Absicht genügte dem nationalistischen Lager, um ihn des Landesverrates zu beschuldigen.