Wie Eisner zog auch Fechenbach Feindschaft vor allem deshalb auf sich, weil er Jude war. "Eisner ist tot, aber der Jude Fechenbach läuft noch irgendwo auf seinen Plattfüßen in der Welt herum", schrieb im Juli 1921 das Organ des Christlichen Bauernvereins, das Bayerische Vaterland. "Die ganze Mache Eisners und Fechenbachs war bezahlte Arbeit im Interesse des Feindbundes, und für den Juden Fechenbach ist in ganz Deutschland kein Galgen hoch genug, um diese Schurkentat zu sühnen. Staatsanwalt, walte deines Amtes!"

Die bayerische Justiz tat, was die Volksseele von ihr erwartete. Das Volksgericht, übrigens eine unter Eisner im November 1918 eingeführte "revolutionäre" Einrichtung, fällte ein Urteil, dessen Härte außerhalb Bayerns selbst in betont "nationalen" Kreisen Bedenken hervorrief. Im Reichstag befaßten sich auf Antrag der Sozialdemokraten zunächst der Auswärtige Ausschuß und dann ein von diesem eingesetzter besonderer Untersuchungsausschuß mit dem Fall Fechenbach – freilich ohne greifbares Ergebnis. Im Plenum des Reichstages, das Anfang Juli 1923 zwei volle Sitzungstage lang den Justizskandal erörterte, bekannten sich nur Deutschnationale und Bayerische Volkspartei zu dem Münchner Urteil. Gustav Radbruch, der große sozialdemokratische Rechtsgelehrte und ehemalige Reichsjustizminister, sprach bei dieser Gelegenheit die hellsichtigen Worte: "Wenn aber nicht bald diesem Rechtsschaden Abhilfe geschieht, dann könnte auch der Fechenbach-Prozeß für uns das werden, was der Dreyfus-Prozeß für Frankreich war, ein Prüfstein, an dem sich scheidet das alte und das neue Deutschland und an dem sich zugleich scheidet Unsauberkeit und Sauberkeit des Rechtsgefühls und des Gewissens."

Die Empörung des republikanischen Deutschland fand in München kein Gehör. Die bayerische Staatsregierung wollte es mit den Nationalsozialisten und anderen "vaterländischen Verbänden" nicht verderben und lehnte daher eine Begnadigung Fechenbachs ab. Erst am 20. Dezember 1924 wurde er aus dem Zuchthaus Ebrach entlassen – am gleichen Tag, an dem für den wegen Hochverrats verurteilten Adolf Hitler die Festungshaft in Landsberg endete. Aus Gründen der politischen Optik schien es dem bayerischen Kabinett nun günstig, den Anschein einer überparteilichen Amnestie zu erwecken.

Fechenbachs Strafe wurde auf drei Jahre und sechs Monate verkürzt, von denen zwei Jahre und vier Monate als verbüßt galten. Für den Rest wurde eine Bewährungsfrist bis zum 1. Oktober 1928 bewilligt. Von einer Aufhebung des Urteils konnte keine Rede sein. Den Weg zu diesem Ziel ebnete erst ein Reichsgesetz von 1925, die "Lex Fechenbach", die Wiederaufnahmeverfahren für Urteile der bayerischen Volksgerichte ermöglichte. Doch das Landgericht München I lehnte einen entsprechenden Antrag der Anwälte Fechenbachs ab. Ihre Beschwerde beim Reichsgericht zeitigte immerhin einen Teilerfolg. Ende Dezember 1926 beschloß das höchste deutsche Gericht auf Antrag des Reichsanwalts die Aufhebung des Münchner Urteils vom Oktober 1922, soweit es die Veröffentlichung des Telegramms aus dem Jahre 1914 betraf. Eine neue Hauptverhandlung, wie Fechenbach sie anstrebte, fand allerdings nicht statt.

Hermann Schueler hat ein notwendiges Buch geschrieben. Denn die Sache, um die es beim Fall Fechenbach ging, war in der Tat ein "Schlüsselthema der Republik": die Kriegsschuldfrage. Daß die Mehrheit der Deutschen nicht wahrhaben wollte, welchen entscheidenden Anteil ihre Führung am Ausbruch des Ersten Weltkrieges hatte, war eine tiefere Ursache des Zweiten Weltkrieges. Der Glaube, daß Deutschland in Versailles zu Unrecht für die Folgen des Krieges haftbar gemacht wurde, bildete den Resonanzboden, der für Hitlers Propaganda so nötig war wie die Luft zum Atmen.

Eisner und Fechenbach mögen Illusionen nachgehangen haben, wenn sie hofften, durch mehr Ehrlichkeit in der Kriegsschuldfrage die Alliierten milder zu stimmen. Aber beide sahen auch, daß es ohne nationale Selbstreinigung eine demokratische Erneuerung Deutschlands nicht geben konnte. Was Schueler außer acht läßt: Auch die meisten Mehrheitssozialdemokraten sperrten sich gegen diese Erkenntnis. Zu dem Eingeständnis, daß sie vier Jahre lang von der Reichsregierung getäuscht worden waren, konnten sie sich nicht durchringen. Eduard Bernstein, der Vater des sozialdemokratischen "Revisionismus", der sich aus der Opposition gegen die Bewilligung der Kriegskredite vorübergehend den Unabhängigen Sozialdemokraten angeschlossen hatte, erntete stürmische Proteste, als er im Juni 1919 auf dem ersten Nachkriegsparteitag der SPD seinen Genossen zurief: "Machen wir uns doch frei von den Ehrbegriffen der Bourgeoisie. Nur die Wahrheit, die volle Wahrheit kann uns nützen." Gegenüber dem Nationalismus der Rechten blieb die SPD bis zum Ende der Weimarer Republik in der Defensive.

Felix Fechenbach gehörte zu den gemäßigten Kräften in der USPD und folglich auch zu jenem Teil der Partei, der sich 1922 unter dem Eindruck des Mordes an Walther Rathenau mit den Mehrheitssozialdemokraten wieder zusammenschloß. Nach seiner Entlassung aus dem Zuchthaus betätigte er sich erneut als Journalist. In dem kleinen Freistaat Lippe, wo er seit 1929 als Redakteur des sozialdemokratischen Detmolder Volksblattes wirkte, organisierte er in der Endphase der Republik den Abwehrkampf gegen die Nationalsozialisten. Er bezahlte dafür mit seinem Leben. Wenige Tage nach der letzten halbwegs freien Reichstagswahl vom 5. März 1933 wurde er in "Schutzhaft" genommen. Einem mitgefangenen Genossen gegenüber äußerte er ahnungsvoll: "Wenn Du einmal hören solltest, ich sei auf der Flucht erschossen worden, dann kannst Du sicher sein, es war Mord." Am 7. August 1933 bereitete ihm in der Nähe von Paderborn ein Kommando von SA- und SS-Männern das Schicksal, das er vorausgesagt hatte.

Am Ende der Dreyfus-Affäre, die Gustav Radbruch im Sommer 1923 beschwor, stand der Sieg der "Dreyfusards" – der Verteidiger von Vernunft und Recht. In Deutschland triumphierten 1933 die "Antidreyfusards". Um besser zu verstehen, warum der Fall Fechenbach diesen und keinen anderen Ausgang nahm, sollte man neben Schuelers nüchternem Bericht ein Buch lesen, in dem die Erfahrungen des Zuchthausinsassen Felix Fechenbach ihren bleibenden literarischen Niederschlag gefunden haben: "Erfolg", den 1930 erschienenen Roman Lion Feuchtwangers über das München der frühen zwanziger Jahre.