Eine japanische Gitarristin, welche Free-funk-Jazz spielt – das wäre, theoretisch, die Idealbesetzung gewesen. In ihr wäre alles das gebündelt gewesen, was das „Jazzfest Berlin“ in diesem Jahr vorführen wollte: Frauen, Funk, Gitarre, Japan. Natürlich gab es, wenn auch nicht diese, manche Überschneidungen, aber sie waren nicht der Sinn dieser Veranstaltung, wenn sie auch nicht ohne Einfluß auf die Auswahl waren: Es war versucht worden, für das, was wichtig ist und weiterführt im gegenwärtigen Jazz, eine Struktur zu finden.

Also gab es Schwerpunkte und glücklicherweise ein Konzept – Schwerpunkte und glücklicherweise kein Generalthema: wie hätte sich das auch finden lassen angesichts der Vielfalt, zu der sich der Jazz längst entwickelt hat. Er ist schon lange nicht mehr von Puristen eingeengt.

Wenn man Jazz als wandelbaren Oberbegriff versteht, nicht als hermetische Abgrenzung, wenn man auf Starparaden verzichtet und Risiken nicht scheut (Banales und Aufgedonnertes läuft schon mal mit), dann kann man so ein schönes und spannendes Festival machen, wie es George Gruntz in Berlin gelungen ist.

Erkenntnis zum Thema Frauen und Jazz, etwa daß kein spezifisch weiblicher Jazz erkennbar wird, oder zum Thema Japan, daß dort weder nur Epigonen noch Trendsetter zu Hause sind, mag man so pauschal aus einzelnen Eindrücken nicht ableiten; wertvoll wäre es gewesen, wenn Gespräche in Gang gesetzt und Sinneswandlungen eingeleitet würden, zum Beispiel, daß Frauen keineswegs nur mit wenigen und ganz bestimmten Instrumenten umgehen können. Erfolge wie die von Jane Ira Bloom, der hervorragenden Sopransaxophonistin im Quartett von David Friedman, müssen immer noch gegen allerhand männliche Arroganz erobert werden.

Zum Thema Gitarre war wenig Neues zu entdecken. Und Free-funk ist nach wie vor kein ganz klarer Begriff; ein besseres, für alle Erscheinungen passendes Etikett wird sich sicherlich auch gar nicht finden lassen, weil auch im Bereich des „grünen“, „punkigen“, des zitierfreudigen, ironischen, eklektischen Jazz’ fast so viele Spielarten wie Gruppen auftreten. Respektlos springen sie mit dem Material um, das sie vorfinden. „Material“ heißt auch eine Gruppe. Wenn „Defunkt“, eine andere Gruppe, vital und wirkungsbewußt losrockt, darf man die Qualität ihrer Blech-Chorusse nicht analysieren, eher schon das, was die „Lounge Lizzards“ vollführen, eine Art Punk-Jazz, der mit Anklängen, an die Salonmusik der zwanziger Jahre oder an Weill und Strawinskij verblüfft. No wave könnte man das auch nennen: Es laßt sich keine neue Welle definieren; viele Wellen schwappen da Zusammen, die jeweilige Kleiderordnung oder -unordnung ergäbe allerhand Aufschlußreiches für Musiksoziologen.

Auch außerhalb der vier bevorzugten Kategorien gab es Gutes zu hören (das in den nächsten Monaten und Jahren von Rundfunk und Fernsehen noch verbreitet werden wird). Da fiel, zum Beispiel, das „Contact Trio“ der Deutschen Brettschneider, Eisold und Kott auf. Unter den vier Bigbands fand man zwar keines der altbekannten amerikanischen Orchester, dafür die von dem Jazzpianisten Martial Solal gegründete, sechzehn Musiker starke Formation, deren präzise Intelligenz man nicht mit dem Hinweis auf mangelnde Innovation abtun kann. Das herrliche „Wiener Art Orchester“ (des Komponisten Mathias Rüegg) ist dem „Sogenannten linksradikalen Blasorchester“ an Witz ebenbürtig, an Substanz überlegen, auch mit der Mischung aus genauem Kalkül und lockerer Spiellust; Lauren Newtons Gesang mit der meist instrumental geführten Stimme war dabei zugleich ein Beitrag zum Frauen-Thema.

Schauplatz des Berliner Jazzfestes ist neben der seit 1964 genutzten Philharmonie zum zweitenmal das „Metropol“ (das einst die Piscator-Bühne war am Nollendorfplatz). Das ungezwungene Stehen, Gehen, Hocken in diesem verräucherten Disko-Schuppen behagt offenbar vielen, denen selbst Scharouns wunderbar offene Philharmonie noch zuviel Strenge aufzunötigen scheint; andere fühlen sich durch allerhand Ablenkung und qualvoll schlechte Luft an der für Jazz unentbehrlichen Konzentration gehindert.