Die Union stichelt, das Grammeln in der Koalition wird lauter

Von Rolf Zundel

Bonn, im November

Der klassisch-ehrwürdige Spruch stimmt schon: Es ist schwer, nicht eine Satire darüber zu schreiben – über jene angeblich ganz und gar geheimen Treffen, die an so verschwiegenem Ort den Bundeskanzler mit CSU-Chef Strauß und den Vizekanzler Genscher mit Oppositionsführer Kohl zusammengeführt haben. Wer in Bonn Aufmerksamkeit erregen will, muß den Eindruck erwecken, er sei einem Geheimnis auf der Spur. Gut eingeführt, wenn auch schon etwas abgenutzt ist zum Beispiel der Trick, Dokumente von langweiliger Wichtigkeit mit dem Aufdruck "VS – vertraulich" zu versehen; so besteht immerhin einige Aussicht, daß sie von Journalisten gelesen werden. Noch wirkungsvoller ist es, Meldungen von Geheimtreffen zu lancieren, die ein brenzliger Geruch von Konspiration umgibt.

Nach diesem Verfahren wurden auch die Begegnung zwischen Schmidt und Strauß am 5. November im Kanzleramt und zwischen Genscher und Kohl in der Wohnung des Außenministers am 10. November publik gemacht. Und solche Nachrichten kriegen Beine. Da wird gefragt, wer wohl wen sehen wollte. Tatsächlich hatte Strauß per Mittelsmann schon im Sommer wegen eines Termins vorgefühlt; die Terminzusage kam selbstverständlich vom Kanzleramt. Da wird spekuliert, was denn wohl verhandelt worden sei. Und alle harmlos klingenden Erklärungen, auch wenn sie zutreffend sind – zum Beispiel Genscher habe im Einvernehmen mit dem Kanzler Kohl das schwierige Problem der Türkeihilfe dargelegt –, fruchten nur wenig. "Die wollen oder können nichts sagen", so heißt es dann. Es kann weiter spekuliert werden.

Daß Schmidt und Strauß ihr Dreieinhalb-Stunden-Gespräch genossen haben, darf man vermuten. Beiden liegt es nicht fern, dem Gesprächspartner jene Art von Zuneigung zu unterstellen, die Mephisto mit dem lieben Gott verbindet: "Von Zeit zu Zeit seh ich den Alten gern .. In der etwas roheren Bonner Sprache ausgedrückt: Beiden ist es unumstößliche Gewißheit, daß sie die einzigen sind, die in diesem Lande zur Klasse des politischen Schwergewichts zählen, und das darf gern sichtbar werden – auch die gemeinsame Skepsis gegenüber Kohl.

Die Annahme, daß die beiden Herren im wesentlichen ihre Ansicht über die Weltpolitik und ihre Einschätzung anderer – internationaler – Schwergewichtler austauschten, liegt bestimmt nicht weit ab von der Wahrheit. Von Großer Koalition jedenfalls war wohl nicht die Rede, wenngleich das Thema von der CSU weiter gehätschelt wird. Allerdings kam beiden – obgleich aus verschiedenen Gründen – eine gewisse Unruhe in FDP-Zirkeln und anderswo nicht ungelegen.