Der heute 76jährige Ex-Senator William Fulbright verkörpert seit Jahrzehnten das liberale außenpolitische Gewissen der USA. Wolfgang Borgmann und Jürgen Kramer fragten Fulbright in Washington, wie er Ronald Reagans Politik einschätzt

Früher und energischer als andere hat Fulbright seine Stimme erhoben, wenn er meinte, sein Land lasse sich in unnötige und ruinöse Konflikte hereinziehen: Der langjährige Vorsitzende des außenpolitischen Ausschusses im USA-Senat stemmte sich gegen Kennedys Kuba-Abenteuer und kämpfte später gegen Johnsons Vietnam-Politik. Heute steht der Advokat einer nüchternen Interessenpolitik der Regierung Reagan eher skeptisch gegenüber.

In dem oft "sprunghaften" Verhalten der USA gegenüber den Sowjets sieht Fulbright die Hauptursache für die Spannungen zwischen den USA und Westeuropa. Er meint, daß die auf Ausgleich bedachte Außenpolitik der Ära Nixon/Kissinger eine Ausnahme in der amerikanischen Nachkriegsgeschichte darstelle.

Seine Skepsis gegenüber der Regierung Reagan hat sich auch durch den jüngsten außenpolitischen Kurswechsel in Washington nicht geändert. Fulbright glaubt zwar, daß die Weichen für den Dialog zwischen den Supermächten gestellt sind; er ist aber nicht von einem Erfolg der Verhandlungen überzeugt. Er bezweifelt, daß die Null-Lösung eine ausreichende Verhandlungsbasis darstellt: "Allein über die Mittelstreckenraketen zu reden, macht keinen Sinn. Wenn man an einer Kräftebalance in Europa und darüber hinaus im globalen Bereich interessiert ist, muß man alle Waffenkategorien einbeziehen, natürlich auch die forward based Systems."

Fulbright fühlt sich durch Reagans Einschwenken auf die Null-Lösung in seiner Ansicht bestätigt, die Westeuropäer – vor allem die Bundesrepublik – müßten in Washington ihr ganzes Gewicht in die Waagschale werfen, damit der Dialog zwischen den Supermächten wieder aufgenommen wird, "nicht durch Schlagzeilen, sondern durch ernsthafte Gespräche".

Vor allem auf Bundeskanzler Schmidt münzt er seinen Appell, in der Form vorsichtig, in der Sache aber fest, Einfluß zu nehmen: "Es gibt immer einen Weg, Menschen zu überzeugen – vor allem, wenn sie so wenig außenpolitische Erfahrung haben wie die Führungsspitze der Reagan-Regierung. Ich kann mir nicht vorstellen, daß ein Mann mit so begrenzter Erfahrung wie Reagan nicht von einem Mann wie Helmut Schmidt beeindruckt und überzeugt werden kann", meint Fulbright.

Dabei müsse Schmidt bedenken, daß nicht Außenminister Haig ("Er ist kein alter Freund des Präsidenten"), sondern das Berater-Trio Edward Meese, James Baker und Michael Deaver den Präsidenten maßgeblich beeinflußt.

Bestürzt ist Fulbright darüber, daß auch die Mittel für sein akademisches Austauschprogramm – die Fulbright-Stiftung –, um 53 Prozent gekürzt werden sollen. Stolz weist er darauf hin, daß mit Hilfe des Fulbright-Programms 33 Staatsmänner in den USA studiert haben; darunter Helmut Schmidt, Karl Carstens, Bruno Kreisky und Margaret Thatcher: "Die Regierung Reagan merkt gar nicht, daß sie dabei ist, das größte und erfolgreichste internationale Austauschprogramm unserer Geschichte zu zerstören – aus Unwissenheit."