Allein in Frankreich wurde eine Viertelmillion Exemplare dieses Buches verkauft:

Roger Garaudy: "Aufruf an die Lebenden", Nachwort Robert Jungk; Luchterhand Verlag, Darmstadt 1981; 410 S., 38,– DM.

Sein Verfasser war bis zur Besetzung der Tschechoslowakei führender Ideologe der französischen kommunistischen Partei und ist seither unabhängig. Auf Grund des Erfolges seiner Bücher meinte er, für die Präsidentenwahl kandidieren zu können. Der Fehlschlag dieses Versuches spricht nicht gegen ihn. Wäre er Kandidat geworden – dazu gehörten Voraussetzungen, die er nicht erfüllen konnte –, hätte er für seine prophetischen Gedanken eine wirksame Tribüne gehabt.

Roger Garaudy greift weiter aus als Spengler und Toynbee, umfaßt fünftausend Jahre Kultur- und Religionsgeschichte und ruft gegen westliche Gedanken und Wege, die stets nur Irrgedanken und Irrwege gewesen seien, alle nichtwestlichen Religionen und Revolutionen auf. Aus Asien, aus Afrika das Heil – aus dem Westen nur Unheil. Er appelliert an Phantasie, Glauben und Erkenntnis der Sackgasse der Kernenergie und des Wachstums: Umkehr oder Katastrophe, uns bleibt nur wenig Zeit. Im letzten Teil gibt er eine "Anleitung zur Selbstbestimmung" und ein "konkretes politisches Projekt", von dem freilich Robert Jungk im Nachwort schreibt, man dürfe es nicht wörtlich nehmen. Konkret: Frankreichs 300 000 kleine, bisher ungenutzte Wasserquellen. Ihre systematische "Nutzung würde genügen, um die Arbeitslosigkeit auf lange Zeit zu beseitigen".

Hier spricht ein Prophet, ein Visionär, doch leider ist er in Ton und Thesen genau so doktrinär, wie er es einst als Apparatschik war. Zwei Beispiele für viele: Er polemisiert gegen Sartre, den er einst in Namen der Parteidoktrin in einem Buch "erledigt" hat. Er zitiert drei Sätze Sartres, nennt ihn aber nicht – die Übersetzer, die sonst mit Anmerkungen nicht geizen, hätten hier eine Fußnote beigeben dürfen –, sondern nennt ihn, als handele es sich um eine Gruppe: "Die kartesianischen Insularisten." Das ist so unverständlich wie unfair.

Ein wenig früher erledigt er Solschenizyn und die "nouveaux philosophes". Man muß deren Ansichten nicht teilen, um Garaudys Art der Polemik infam zu nennen: "Da den Massenmedien in Sachen Antikommunismus gerade kein Nobelpreisträger zur Verfügung stand, hielt man es für ratsam, den Pokal auf diesem Gebiet an mehrere Personen zu verteilen und so schickte man kurzentschlossen diese exorzistischen Playboys in die Arena." Das ist genau die Sicht des Apparatschik, für den niemals einzelne von sich aus etwas tun. Nein, sie werden eingeplant, vorgeschickt und ohne anzudeuten, was sie eigentlich sagen, werden sie verächtlich gemacht. Garaudy, der "Dissident", wie Jungk ihn nennt, hat die Parteimethoden der Polemik so verinnerlicht, daß er sie auch anwendet, wenn es ihn niemand heißt.

Schwerlich wird man über die Weltreligionen Konfuseres lesen. Nach einem Bestseller, dessen Mitautor heute zur "Neuen Rechten" gehört, nennt er Jesus einen "Mutanten". Garaudy weiß: "Die jahrhundertelangen Polemiken zwischen Christen und Mohammedanern waren (...) sinnlos." Keines der Wunder, die die Evangelien Jesus zuschreiben, habe "einen Bruch der Naturgesetze beinhaltet". Und die Perle: "Keine Religion der Welt hat sich Andersgläubigen gegenüber so tolerant erwiesen wie die älteste (der Hinduismus) und die jüngste (der Islam)." Garaudy hat auch sogleich die spezifischen Charakterzüge der Revolution in Iran erkannt. Dort ist "jede Form der Theokratie ausgeschlossen und sogar die spirituelle Autorität stützt sich nicht auf einen Klerus". Maos unselige Kulturrevolution findet in Garaudy einen späten Apologeten, der, weil ja alles östliche zusammengehört, auch Maoismus und Konfuzius zu ihren Einflüssen zählt. Bescheiden nennt Garaudy seine Arbeitshypothese "die Konsequenz einer 5000jährigen historischen Erfahrung und des universellen Dialogs aller Zivilisationen dieser Welt". Eben das ist sie nicht. Denn das Abendland trägt bei Garaudy zu diesem Dialog überhaupt nichts bei, es hat entweder aufgenommen oder verfälscht. Für Sokrates sei das Leben ein "verkrüppelter Stummel"; Meister Eckhardt hat "durch den Islam die große indische Tradition wiedergefunden". Auch ist von westlichem "Provinzialismus" die Rede, doch in einem Buch, in dem "verpatzt" für "verpaßt", "Hormonie" für "Harmonie", "Indianer" für "Inder" steht, ist das vielleicht nicht dem Autor anzulasten.