Wenn es die Situation erlaubte, ließ er seine Gesprächspartner deutlich spüren, wen sie vor sich hatten: den Vertreter einer Weltmacht. Julij Alexandrowitsch Kwizinski bekommt dennoch keine schlechten Noten. Von seinen Bonner Kollegen nicht und nicht von Journalisten, mit denen er einen distanzierten, aber freien Umgang pflegt.

„Brillant“ lautet das Urteil, das man am häufigsten hört, wer nach den Qualitäten des bisherigen Gesandten der sowjetischen Botschaft in Bonn fragt. Plötzlich internationaler Star – das ist eine Rolle, die einem sowjetischen Diplomaten, auch einem der ersten Garnitur, durchaus Schwierigkeiten bereiten kann. Doch mit 45 Jahren Chef der russischen Delegation bei den Gesprächen über Mittelstreckenwaffen in Europa – das ist eine Traumkarriere, für sowjetische Verhältnisse ein Märchen. In der sowjetischen Gerontokratie, wo das Durchschnittsalter der obersten Führungsmannschaft über 70 Jahre liegt, erklimmt man Karriere-Gipfel gewöhnlich jenseits der Pensionsgrenze. Die Paradediplomaten des selber über siebzigjährigen Außenministers Andrej Gromyko könnten alle die Väter des neuen Sowjet-Stars sein: Sein bisheriger Chef in Bonn, Wladimir Semjonow ebenso wie sein früherer Vorgesetzter bei den Verhandlungen über das Viermächteabkommen in Berlin, Piotr Abrassimow.

An diesen beiden Namen aus der Bei Etage der sowjetischen Diplomatie läßt sich die Rolle erläutern, die bisher für Kwizinski typisch gewesen ist: Er war stets der zweite Mann im Schatten fast legendärer, im Dienst anscheinend sakrosankter Botschafter. Sie deckten ihn offenbar gegenüber der Zentrale. Viele der Beteiligten halten Kwizinski beispielsweise für den sowjetischen Chefarchitekten des Viermächteabkommens. Ihm vor allem wird die hinter hieb- und stichfesten juristischen Formulierungen verborgene Doppeldeutigkeit dieses Vertrags zugeschrieben.

Die politisch hochinteressante Frage, wer Kwizinski zum Chefunterhändler in Genf berufen und ihn damit an ganzen Generationen von altgedienten Diplomaten vorbei zum Botschafter befördert hat, wird ein Geheimnis des Kreml bleiben. Daß er vorerst am Ziel seiner Karriere ist, darüber gibt es keinen Zweifel: Die Weltmacht USA ist der einzig angemessene Gesprächspartner für Julij Alexandrowitsch Kwizinski. Einer seiner ständigen Gesprächspartner in Bonn: „Er ist ein Diplomat, der den Status der Weltmacht für die UdSSR verwaltet und das macht ihm ausgesprochen Spaß.“

Den Vertretern Amerikas ist Kwizinski in Verhandlungen indessen noch nicht begegnet. Seine kurze Tätigkeit bei den Truppenreduzierungsgesprächen (MBFR) in Wien kann nicht als profunde Ausbildung in Fragen der internationalen Abrüstung und Rüstungskontrolle gelten. Allerdings geht ihm auch aus der Wiener Zeit der Ruf nach, der politische Kopf der sowjetischen Delegation gewesen zu sein.

Für die Genfer Gesprächsrunde dürften die Anweisungen aus Moskau besonders eng gezogen sein. Wie er damit fertig werden wird, darüber gehen die Prognosen auseinander. Während häufig die Meinung zu hören ist, er sei vor allem ein Mann, der sehr genau und korrekt im Rahmen seiner Weisungen handele, wird andererseits seine politische Kreativität hervorgehoben, die er bis zur äußersten Grenze des vorgegebenen Rahmens entfalte. Sicher ist, daß Kwizinski alle rhetorischen Register im Umgang mit Gesprächspartnern beherrscht. Herausragend ist seine brutale Offenheit, mit der er sowjetische Positionen vertritt. Für ihn legitimiert der Status seines Landes als Supermacht jede politische Handlung. So ist der Gesandte Kwizinskis stets auch gegenüber seinen Gesprächspartner in Bonn aufgetreten, die dennoch seine ständige Gesprächsbereitschaft schätzen lernten.

Der „diamantharte“ Diplomat konnte sich aber während eines Gesprächs in einen Mann von „einnehmender Liebenswürdigkeit“ und „bestechender Eleganz“ verwandeln. Dann nämlich, „wenn seine Sache schlecht stand, wenn er einen Kompromiß der anderen Seite erreichen mußte“. Allerdings hat sich davon niemand täuschen lassen. Bei aller Verbindlichkeit war dieser Diplomat „viel zu gut, als daß er nicht stets kühl und überlegt gewesen wäre“, so einer seiner ständigen Gegenspieler im Auswärtigen Amt.

Das diplomatische Parkett hat Kwizinski in Bonn nur selten und offenbar widerwillig betreten, das überließ er seinem beliebten und kontaktfreudigen Botschafter Semjonow, während er hinter den Kulissen die Fäden in der Hand behielt. Im Gespräch mit Journalisten wirkte er glatt, zuweilen hochmütig und abweisend. Erst wenn Detailfragen zur Sprache kamen und eine Gegenposition hart vertreten wurde, ließ er etwas von seiner Brillanz aufblitzen, die auch in der nahezu perfekten Beherrschung der deutschen Sprache zum Ausdruck kam.

Gegenwärtig ist Kwizinski in Moskau, „um sich seine Mannschaft zusammenzusuchen“, so die inoffizielle Auskunft der Botschaft. Auch dies ein durchaus ungewöhnlicher Vorgang, der seine Sonderstellung unterstreicht.

Mit Kwizinski, der nicht zuletzt auch ein illusionsloser Zyniker ist, wie man sie unter Ostblockdiplomaten nicht selten antrifft, hat die Sowjetunion in Genf einen Verhandlungsführer, dessen politische Philosophie sich kaum von der seines erzkonservativen amerikanischen Gegenspielers Paul Nitze unterscheidet. Sollten die Verhandlungen scheitern, wird er. es den Amerikanern nicht leicht machen, der Sowjetunion die Schuld zu geben.

Hans-Peter Riese