Düsseldorf

Eine Oma mit Dutt, guten Manieren, bescheiden, adrett. Das ist die eine Josefine Jürgens. Inzwischen 77 Jahre alt, erhielt die Tochter aus gutem Hause und ehemalige Eigentümerin einer Wäscherei, den Beinamen "Engel der Gefangenen". Josefine Jürgens kümmerte sich aufopferungsvoll um Lebenslängliche. Sie besucht sie im Gefängnis, macht für sie Besorgungen, schreibt Bittbriefe an Minister und Richter. Dafür bekam sie zum Verfassungstag 1981 von Bundespräsident Karl Carstens das Verdienstkreuz verliehen. Auch Generalbundesanwalt Kurt Rebmann gratulierte ihr.

Eine unverbesserliche alte Frau, deren Herz rechts schlägt. Das ist die andere Josefine Jürgens. Im Düsseldorfer Maidanek-Prozeß kümmerte sie sich vor allem um die angeklagten Frauen, betreute den Ehemann der Hauptschuldigen Ryan-Braunsteiner, mischte sich auf den Gerichtsfluren unter Schulklassen, die von den beiden Staatsanwälten über das Verfahren informiert werden wollten, sorgte für das Pausenessen der weiblichen Angeklagten, bombardierte das Gericht und die Anklagevertretung mit Post: Sie sollten doch für die armen, zu Unrecht Verdächtigten ein Herz haben. Als sie dann nach der Urteilsverkündung in der Fernsehsendung "Monitor" aus ihrem Herzen keine Mördergrube machte und die Richter verdächtigte, im Namen von Kommunisten und Juden Recht gesprochen zu haben, rieben sich viele verdutzt die Augen.

Erst trat sie in die SPD, Ortsverein Pempelforth, ein. Jetzt wurde sie ausgeschlossen. Dann erwarb sie die Mitgliedschaft der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, die sich während des Maidanek-Verfahrens um die vielen hundert jüdischen Zeugen gekümmert hat. Nachdem sie in der Volkshochschulgruppe Vortragsveranstaltungen über Israel besucht hatte, wollte sie nun die Juden um Verzeihung bitten. Jetzt wurde ihr die Mitgliedschaft aberkannt. Nach einer Anzeige des Zentralrates der Juden in Deutschland wegen Volksverhetzung und Beleidigung soll sie nun auch noch ihr Bundesverdienstkreuz zurückgeben – bisher ein einmaliger Vorgang in der Ordensgeschichte der Bundesrepublik.

Dagegen will sich Josefine Jürgens zur Wehr setzen. Für ihre Verteidigung gewann sie den aus dem Düsseldorfer Prozeß einschlägig bekannten Rechtsanwalt Ludwig Bock, der nach aufsehenerregenden Auftritten im Gerichtssaal, die ihm selbst die Kritik seiner Kollegen eintrug, sein Mandat niedergelegt hatte. Der NPD-Verteidiger und Interviewpartner von Gerhard Freys rechtsradikaler National-Zeitung hatte sich während seiner Recherchen in Israel Zeugen gegenüber als materialsammelnder Student ausgegeben. Nun soll er für Josefine Jürgens Orden kämpfen.

Sie ist nicht davon abzubringen, daß sie das Bundesverdienstkreuz zu Recht bekommen hat, in "Anerkennung ihrer Verdienste". Und sie ist überzeugt, nur laut gesagt zu haben, was viele heimlich dächten: Daß sich der Richter im Maidanek-Prozeß von "Terroristen" zwingen ließ, von "Frau Klarsfeld mit Kommunisten und Juden" nämlich; daß die Angeklagten "treue und brave Bürger" seien, denen nur "entsetzliche Greuellügen" vorgehalten werden; daß das Kruzifix von der Gerichtswand genommen werden müßte, weil dort "mit Haß und Lügen und Meineiden" gearbeitet worden sei; daß dieser "elende Maidanek-Prozeß doch nur zum Judenhaß zwingt".

Eine kleine Gruppe saß regelmäßig auf der rechten Seite oder in der letzten Bankreihe im Düsseldorfer Schwurgerichtssaal. Manchmal mischte sich einer aus ihr in den Prozeßpausen unter die fragenden Schüler. Und wenn er sie dann überreden wollte, doch den Unsinn solcher Verfahren zu erkennen, geschah es schon einmal, daß ihm einer der Sechzehnjährigen kurz und bündig zur Antwort gab: "Wenn ich Sie so höre, dann weiß ich erst, wie notwendig sie sind."

Dietrich Strothmann