Europas Kritik an Amerika ist übertrieben

Von John McCloy

John McCloy, ehemals US-Hochkommissar in Deutschland und eine der großen Gestalten der Nachkriegszeit, hat sich vor kurzem bei der Verleihung des Jean-Monnet-Preises der Goethe-Stiftung in Basel mit ungewöhnlichem Freimut zum amerikanisch-europäischen Verhältnis geäußert. Wir veröffentlichen Auszüge aus seiner Preisrede.

Die Welt ist heute vielfältiger als jemals zuvor. Der breite Atlantik ist nicht länger die unübersteigbare Barriere, an der jede ernsthafte Aggression gegen die Vereinigten Staaten steckenbleibt. Die amerikanischen Städte sind durch schwere sowjetische Raketen ebenso verwundbar wie Hamburg und Frankfurt. Nicht länger können Europäer und Amerikaner ihre Wahrnehmung auf das Nato-Vertragsgebiet beschränken. Je vielfältiger die Welt wird, je mehr die Auffassungen auseinandergehen, werden neue Schwierigkeiten, ja sogar ernsthafte Differenzen entstehen. Wir müssen gemeinsam all unsere Staatskunst aufbieten, um damit fertig zu werden.

All dies heißt nicht bloß verbesserte Kontakte, nicht nur gelegentliche Konsultationen. Es erfordert, daß Amerikaner wie Europäer voll die Notwendigkeit akzeptieren, sich auf faire Weise in ihre gemeinsamen Engagements und ihre gemeinsame Verantwortung zu teilen. Heute kommt es darauf an, die Vitalität und die Qualität der Zusammenarbeit zwischen den Vereinigten Staaten und den Westeuropäern aufs neue zu kräftigen. Die Aufrüstung der Sowjets und ihre zunehmenden aggressiven Vorstöße in strategisch hoch bedeutsame Weltgegenden, entweder direkt oder durch militante Stellvertreter, sind ein weiterer Beleg dafür, wie notwendig dies ist.

Die fortwährende sowjetische Aufrüstung hat zusammen mit dem Prestigeverlust, den Amerika im Vietnamkrieg erlitt, die Glaubwürdigkeit der amerikanischen Abschreckungsgarantie erschüttert, die Europa in seiner Wiederaufbauphase einen sicherheitspolitischen Schutzschirm gewährte. Indessen bleibt das Engagement unserer großen Nation intakt. Ein beredtes Unterpfand dieses Engagements liegt in der Tatsache, daß 300 000 amerikanische Soldaten in Europa stationiert sind; und dieses schon seit sehr langer Zeit. Sie bleiben in Europa und sie werden von dem Augenblick an voll in die Kampfhandlungen verwickelt sein, in dem ein Angriff beginnt. Die Reaktion wäre in der Praxis automatisch und total. Ähnliche Sicherheiten hat kein anderes Nato-Mitglied für sein Engagement gegeben, die Vereinigten Staaten mit zu verteidigen.

Amerikanische Garantie für Europa