Der Konsens über die Wachstumspolitik – und das ist die dritte Erklärung für das Auswandern der Politik ist zuerst in den Städten und Regionen zerbrochen. Auch die negativen Folgen von Wachstum und Industrialisierung, diesem ganzen schlichten Fortschrittsgeheimnis, wurden zuerst dort wahrgenommen.

Besonders die Kommunen bekamen das zu spüren. Das Wirtschaftswachstum hat Natur und Boden gekostet, der wachsende Wohlstand Fläche. Nun herrscht Mangel an Natur, Boden, Wohnraum. Obendrein wandeln sich Lebensstil und materielle Bedürfnisse. Oft bleiben die Älteren allein in ihren Häusern oder Wohnungen zurück, die Jüngeren ziehen gern weg, suchen einen Platz in Wohngemeinschaften oder irgendwo sonst die Chance, ihr Leben leben zu können. Überhaupt ist das Bedürfnis nach Freiräumen größer geworden; nach Nischen, in denen man sich bequem einrichten kann. Einerseits wird die Fläche knapper und Boden teurer, andererseits aber wächst die Nachfrage. Ein Zusammenprall dieser Bedürfnisse erscheint fast vorprogrammiert.

Jeder Blick auf die Großstädte beweist, welchen Zündstoff das enthält. Unglückseligerweise haben erst, die Hausbesetzungen auf offene Widersprüche aufmerksam gemacht. Die einen spekulieren und treiben die Bodenpreise hoch, die anderen suchen dringend Wohnungen oder Chancen, so leben zu können wie sie wollen. In Berlin führt das täglich zu neuen Konflikten. Fachleute gehen so weit zu sagen, Grundbesitz werde, "mehr und mehr zum bestimmenden Teil des Vermögens". Schon bald ließen sich "Grundbesitzer und Nichtgrundbesitzer in zwei Klassen unterscheiden". Die Masse der Bevölkerung sei von den Bodenwertzuwächsen ausgeschlossen und erfahre sie nur in Gestalt von Mietsteigerungen. Auch aus diesem praktischen Grund erleben wir eine Renaissance der Kommunalpolitik.

Einerseits steigende Nachfrage und größere Knappheit, andererseits ein geschärftes Bewußtsein für ökologische Wachstumsgrenzen und die Schattenseiten des Fortschritts – dieser Widerspruch ist gleichfalls zuerst "unten" offenbar geworden. Längst wird nicht mehr jeder neue Autobahnmeter bejubelt, vielmehr entzünden sich an jedem Versuch, neue Trassen und Schneisen durch die Landschaft zu schlagen, jahrelange kommunale Schwelbrände. Was dem einen noch immer als Modernisierung gilt, wird von anderen längst als Zerstörung erfahren.

Oben erfährt man von diesen Widerspruch lichkeiten und Schattenseiten der Wachstumspolitik recht spät. Selbst der "konservative" Manfred Rommel hat mehr Verständnis als die regierenden Sozialdemokraten in Bonn für den kurzlebigen Versuch Jochen Vogels in Berlin gezeigt, auf solche Widersprüche endlich zu reagieren. Ausländerprobleme, gestörte Kommunikation, neue Demarkationslinien zwischen einer Bürgerkultur und einer Subkultur in den Städten, Marginalisierung (und Kriminalität), das alles gehört zu den negativen Aspekten, von denen die Zentrale wenig ahnt. Und es gehört längst ebenso dazu wie die blühende Stadtkultur, die Alternativzeitungen, die mutigen Jugendzentren wie das KOMM in Nürnberg, diese ganze sympathische Vielfalt, von welcher der eindimensionale Politikbegriff der Zentralen so wenig erfaßt.

So erklärt sich auch, weshalb in den Rathäusern oft über mangelndes Verständnis geseufzt wird. Das kann man bei Rommel (CDU) ebenso hören wie bei Oskar Lafontaine (SPD), der im Saarbrücker Rathaus klagt, er könne gar nicht verstehen, "daß die ganze Partei immer nur auf dieses Bonn starrt" und danach fragt, ob man den Kanzler in Bedrängnis bringe. Er hat sich damit herumzuplagen, wie viele Jugendliche in der Stadt arbeitslos sind und was aus den Hüttenwerken wird.

Am Ort selbst, im Alltag der Kommunen und Städte, lernt man, sich mit den alltäglichen Widersprüchen zu arrangieren. Manfred Rommel stellt geradezu ein Musterexemplar dieser Kunst dar. In den Städten, urteilt er, würden schließlich die zwei Hauptprobleme dieser Gesellschaft sichtbar: die Kulturbewegung mit ihren subjektiven Wachstumszweifeln und die objektiven Grenzen, an welche die Wachstumspolitik dort stößt, wo Grund und Boden knapp oder von Spekulanten unbezahlbar teuer gemacht worden ist.