Mehr Wohnungen, aber auch mehr Wachstum; Arbeitsplätze und Zukunftschancen, aber auch Rücksicht auf Wohn- und Lebensqualität; neues Baugelände für Daimler-Benz, aber nicht noch die letzten Wiesen zupflastern – mit solchen Widersprüchen, seufzt Rommel, könnten die Menschen "heute offensichtlich leben". Und so lebt er eben auch damit. Verzicht auf "künstliches Matadorentum", wie er mit einem ironischen Seitenblick auf die große Politik der Zentralen anmerkt, wird da zur besten Lebensversicherung von Politikern. Nicht alle kommen zu solchen Einsichten: Der Frankfurter Oberbürgermeister Wallmann applaudiert der hessischen Landesregierung, die gerade versucht, die alltäglichen Widersprüche und den Zielkonflikt zwischen den Betroffenen am Ort und den Politikern in Wiesbaden mit dem Polizeiknüppel aus der Welt zu schaffen.

Nun bleibt das Wachstum sogar ganz aus. Zufrieden können damit weder diejenigen sein, die darauf ihr Fortschrittsversprechen gegründet haben, noch die anderen, die diesen Fortschritt als Mythos entlarven. In solchen ökonomischen Krisenzeiten verlagern sich die Probleme erst recht nach unten. Darin steckt eine vierte Erklärung für das Auswandern der Politik.

Betroffen von Krisen und Umverteilungskonflikten in Zeiten ohne Zuwächse sind nämlich nicht abstrakte "gesellschaftliche Gruppen". Betroffen sind Städte, Gemeinden, Einzelne. Was an den Bonner Sparplänen rein fiskalisch aussieht, führe praktisch zur kostspieligen "Aufgabenerweiterung auf Länder- und Gemeindeseite", stöhnt Bürgermeister Hans Koschnick. Wenn Europas Stahlindustrie kriselt, bekommen das unmittelbar die Hoesch-Arbeiter in Dortmund zu spüren. Das vereint eine ganze Stadt im Protest.

Die Politiker streiten sich darüber, ob wir eine Struktur- oder Konjunkturkrise erleben, oder wie wir – so fragt sich die CDU – Soziale Marktwirtschaft neu buchstabieren sollen. Konkret geht es aber nicht um Marktwirtschaft oder Lenkung, Keynesianismus oder Monetarismus. Am Ort selbst geht es – um ein Beispiel zu nennen – um die bedrohten, alteingesessenen Adler-Werke in Frankfurt, mit ihrem müden Management. Dann sitzen sogar die Katholische Kirche und die SPD, die sich soeben noch Öffentlich heftig befehdet haben, plötzlich in einem Boot.

Es war ein Gesetz, nach dem Bund, Länder und Kommunen in den sechziger und noch den siebziger Jahren angetreten sind: Wachstum. Und das Wachstum mußte geplant werden. Vieles von den Widerständen heute – und das liefert eine fünfte Erklärung für das Auswandern der Politik in die Provinz – läßt sich als Reaktion auf die Planungszeiten verstehen.

Anfang der siebziger Jahre schien der Konsens sich zwar da und dort aufzulösen. So suchte zum Beispiel Frankfurts geplagter Bürgermeister Walter Möller (vergeblich) das Steuer herumzuwerfen und eine lebenswertere Stadt zu schaffen. Jochen Vogel verlangte vom Oberbürgermeistersessel des Münchner Rathauses aus eine neue Bodenpolitik (und vor allem: eine Bodensteuer). Sogar die IG Metall klagte, Lärm, Schmutz, Kommunikationsstörungen überwögen in den Ballungsgebieten allmählich deren Vorzüge, nämlich Mobilität, größere berufliche Wahlfreiheit, bessere Bildungschancen und kulturelle Angebote. Es werde vorwiegend nach den Interessen der Wirtschaft geplant und subventioniert, nicht nach denen der Bevölkerung gehandelt, klagte die Gewerkschaft damals. Nebenbei: Die Kritik klingt taufrisch, wenn man sich das Desaster am Frankfurter Flughafen betrachtet.

Aber durchgesetzt haben sich diejenigen, die auf Wachstum bauten und den "Disparitäten" zwischen Bund und Ländern, Ländern und Städten zu Leibe rücken wollten. Die Städte haben auf Wachstumserträge gesetzt – mit der nahenden Krise sogar drängender – und die Wachstumskosten nicht gern dagegen gerechnet. "Herkömmlicherweise", hat Martin Neuffer, Hannovers ehemaliger Oberstadtdirektor, einmal im Rückblick geurteilt, "war Wachstum für Kommunen nicht nur ‚gut‘, es war geradezu der Erfolgsausweis für gelungene Kommunalpolitik: Wachstum an Einwohnern, an Fläche (Eingemeindung), an Arbeitsplätzen, an Orts- und Fernverkehr, an Infrastruktureinrichtungen und Dienstleistungsangeboten..."