München

Über der Menschentraube am Marienplatz grinst Lenin. Hat die CSU nicht irgendwann einmal, zu Wahlkampfzeiten, dieses Bild beschworen, das jetzt zur Wirklichkeit wird? Unter der Mariensäule, zwischen Rat- und Warenhaus präsentiert sich in der Münchner Fußgängerzone ein grimmig blickender Russe mit Bart und Pelzmütze. Über seinem Kopf hält er ein großes Plakat: Die Passanten erkennen ein Bild Lenins, eine skizzierte Karte der Sowjetunion und viel Text. Den können sie aber kaum lesen. Er ist zu klein geschrieben, und im November ist es nachmittags früh dunkel.

Immer mehr Leute sammeln sich um den Demonstranten, und noch mehr Leute sammeln sich um die Leute, die sich um den Russen sammeln. Ein Mann mit Lodenhut schimpft lauter als alle anderen: So weit seien wir also schon gekommen, daß die Kommunisten auf dem Marienplatz ... Der russische Ein-Mann-Demonstrant läßt sich von seiner deutschen Begleiterin übersetzen, was der Mann da sagt. Er wundert sich.

Herr M. protestiert nämlich gegen die Zustände in seiner sowjetischen Heimat. Die Texte auf dem Poster über der Menschenansammlung sind Lenin-Zitate über den "roten Terror" und Hinweise auf die heutige Verfolgung von Dissidenten und Nonkonformisten im Machtbereich Moskaus. Der Demonstrant beschreibt sich selbst als Opfer des Gulag-Systems und fordert die Deutschen auf, für die Menschenrechte in seiner Heimat zu kämpfen – auch beim Breschnjew-Besuch in Bonn.

Der Mann mit dem Lodenhut bekommt das erklärt, aber beirren läßt er sich nicht. "Die Russen kenn i." Seine Theorie: Der angebliche Antikommunist wird hier so lange Propaganda treiben, bis er die Macht ergreift, und dann seinen roten Landsleuten die Tore nach Deutschland oder nach Bayern öffnen. Er sagt’s, er duldet keinen Widerspruch und verschwindet.

Mit Hilfe der Dolmetscherin erzählt der russische Demonstrant von seinem Schicksal. Er ist Kunstmaler und war nicht linientreu, wie er sagt. Drei Jahre haben ihn die sowjetischen Behörden eingesperrt. Dann kam er in den Westen. In München gefällt es ihm gut, aber die Bonner Regierung solle doch aufhören, das Moskauer Regime, das ihn und so viele andere verfolgt, politisch und wirtschaftlich zu unterstützen.

"Ja, wollen Sie denn Krieg?", fragt die Frau mit der großen Einkaufstasche. Nein, Krieg will Herr M. nicht, und Verhandlungen zwischen den Machtblöcken findet er gut, nur die wirtschaftliche Unterstützung der Sowjetunion durch die Bundesrepublik... "Dös woll’n mir ja gar nicht, dazu tun uns die Amerikaner zwingen", ruft eine ältere Frau. Ein paar junge Leute lachen.