Staatlich erzwungene Preiserhöhungen der Stahlindustrie bringen die Verbraucher in arge Bedrängnis

Tyll Necker, der Präsident des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA), hat sich seinen Kummer von der Seele geschrieben. In einem Brief an Bundes wirtschaftsminister Graf Lambsdorff klagte er über Tempo und Außmaß der Stahlpreiserhöhung und berichtete dabei über eine "tiefe Verbitterung und Verunsicherung" einer großen Zahl seiner Verbandsmitglieder.

Der VDMA-Präsident verdeutlichte dabei, was die Verbitterung ausgelöst hat. Der Eindruck nämlich, "daß Kommission und Bundesregierung auf dem Sektor Stahl ein Regime der Willkür und des Verstoßes gegen geltendes Recht dulden und fördern". Ob Necker mit seiner rechtlichen Würdigung richtig liegt, wird sich zeigen, wenn der VDMA vor dem europäischen Gerichtshof klagt – die Vokabeln "dulden" und "fördern" sind jedoch fehl am Platze.

Die Preiserhöhungen sind nämlich von Bund und Brüssel nicht geduldet und gefördert, sondern sogar mit massivem Druck erzwungen worden. Die europäische Stahlindustrie erwies sich nämlich als unfähig, selbst unter dem Dach eines Kartells die Preise aus eigener Kraft auf ein kostendeckendes Niveau zu neben. Und Necker beklagte sich Zudem bei einem Wirtschaftsminister, dessen Kanzler die Stahlbosse vor gar nicht so langer Zeit gerügt hat, weil sie eine angekündigte Preiserhöhung verschoben hatten.

Der Brief Neckers zeigt, daß unter den Stahlverarbeitern ohnmächtige Wut darüber herrscht, daß zwar jede eigene Marktabsprache vom Bundeskartellamt unnachsichtig verfolgt wird, der wichtigste Materiallieferant dagegen sogar noch unter behördlichem Druck gezwungen wurde, ein Kartell zu bilden. Bemitleidenswerte Opfer des Stahlkartells währen die Verarbeiter aber doch wohl nur dann, wenn sie mehr zahlen müßten als ihre Konkurrenten in vergleichbaren Ländern. Aber davon kann keine Rede sein. In der EG sind die Stahlpreise in allen Ländern gleich, in Japan und in den USA sind sie derzeit sogar noch höher als in Europa. Und im übrigen erklärt der VDMA selbst, man sei an einer lebensnotwendigen deutschen Stahlindustrie in hohem Maße interessiert. Dazu gehört aber auch, daß man dieser Stahlindustrie Preise zahlt, die kostendeckend sind – sofern sich die Preise im Rahmen dessen halten, was auf dem Weltmarkt üblich ist.

Dies wird von der stahlverarbeitenden Industrie auch durchaus akzeptiert. Und in Wahrheit schreckt sie nicht so sehr das Ausmaß als vielmehr das Tempo der Preiserhöhungen. Der VDMA hat ausgerechnet, daß eine Tonne Walzstahl 1982 im Durchschnitt um 41 Prozent teurer sein wird als 1980. Das bedeutet für die Stahlverarbeiter einen gewaltigen Kostenschub, den sie in vielen Fällen nicht sofort an ihre Kunden weitergeben können – unter anderem deshalb, weil sie sich in langfristigen Verträgen auf einen bestimmten Preis festgelegt haben.

Wenn nicht alles täuscht, dann dienen Neckers Aktivitäten in erster Linie dazu, einen Aufschub oder eine weitere Abschwächung der für den ersten Januar geplanten Stahlpreiserhöhung zu erreichen. Das ist ein Wunsch, der auch bei den Stahlunternehmen Verständnis finden sollte. Denn ihnen kann nichts daran gelegen sein, daß ihre Kunden krank werden. Und unserer Volkswirtschaft ist nicht damit gedient, daß Arbeitsplätze in der Stahlerzeugung gesichert, in der für den deutschen Export so wichtigen Maschinenbauindustrie dagegen gefährdet werden.

Heinz-Günter Kemmer