Bilanz in Bonn: Der Kreml will verhandeln

Von Christian Schmidt-Häuer

Bonn, im November

Leonid Breschnjews Blick streifte zumeist leer über Unbekanntes und suchte die vertrauten Stützen seiner Umgebung. An August Makkes Gemälde von 1912 – "Orientalisches Märchen" – blieb er nicht hängen. Zögernd nahm der sowjetische Parteichef zur ersten Verhandlungsrunde im Kabinettsaal auf dem Stammsitz von Bundesfinanzminister Matthöfer Platz. Dabei sah er mehr auf Außenminister Gromyko zu seiner Rechten als auf den Kanzler gegenüber.

Mit schweren Händen und weit abgewinkelten Armen streifte sich der Generalsekretär die Brillenbügel über die Ohren und blickte auf den fertigen Redetext vor ihm. Dann wurde er gewahr, daß die Photographen noch ihre Zeit brauchten, und setzte die Brille wieder ab. Inzwischen hatten sowjetische Betreuer die Kaffeekanne des Kanzleramtes aus Breschnjews Nähe geräumt und aus einer Thermosflasche ein dampfendes Getränk eingeschenkt, das wie Milchkaffee aussah. Der Fünfundsiebzigjährige griff danach, bat Gromyko mit schweren Worten um eine Erläuterung und schwieg wieder, wie sein Gegenüber Schmidt.

Daran schlossen sich die Türen zum Kabinettsaal. Die Assistenten des mitgereisten Generalleutnants Jurij Tolmatschow, dem "Leiter der Verwaltung für das Regierungsfernmeldewesen", trugen Breschnjews "rotes Telephon" in einen Nebenraum. Der mächtigste Mann der östlichen Welt blieb während seines rund 60stündigen Besuches in Bonn stets in Rufweite des Kreml: Ein Parabolspiegel am Schwimmbad seiner Residenz auf Schloß Gymnich war auf den Satelliten "Horizont" gerichtet, siebzig Standleitungen sorgten für Dauerkontakt.

Für den Gesprächsauftakt im Kabinettsaal des Kanzlers bedurfte es freilich keiner aktuellen Rückfragen. Breschnjew hatte eine konventionelle Eröffnung ausgearbeitet bekommen. In der ersten Runde gab es keinen abweichenden Zug. In ungleich besserer Verfassung als bei seiner letzten Visite 1978 verlas der sowjetische Parteichef seinen Text – mit fester Stimme und gemäßigt lebhaft. Gelegentlich fragte er, ob er auch klar spreche und ob man ihn gut verstehe, Gromyko bestätigte ihm das beifällig.