Was mich etwas beunruhigt, ist, daß in letzter Zeit in der Bundesrepublik so viel von Rechtsstaat und von der freiheitlichdemokratischen Grundordnung gesprochen wird. Vielleicht höre ich schlecht. Aber mir scheint, die Betonung liegt etwas zu sehr und immer mehr auf ‚Staat‘ und auf ‚Ordnung‘ und nicht mehr genug auf der Idee der freien politischen Tätigkeit des einzelnen, den gerade die Begriffe Staat und Ordnung nicht zum politischen autonomen Denken und Handeln auffordern. Huldigen nicht manche Bürger der Bundesrepublik dem Staat mehr als dem Recht und erleben die freiheitlichdemokratische Grundordnung nur als eine Abwandlung der staatlichen Ordnung schlechthin, die ihren Vätern oder ihnen selbst, im Kaiserreich oder sogar im totalen Staat, den täglichen biederen Frieden sicherte?

Vielleicht bin ich zu sehr Franzose oder ich denke zu sehr an 1933, aber es scheint mir doch, als ob in der Bundesrepublik immer mehr von der Verteidigung der Grundordnung durch den Staat die Rede sei und immer weniger von der Verteidigung der Grundfreiheiten gegen den Staat."

Das sind Sätze von Alfred Grosser – Sätze, so aktuell wie 1975, als sie in Frankfurt am Main bei der Entgegennahme des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in der Paulskirche ge- – sprachen wurden. Man kann sie jetzt wieder nachlesen in einer Sammlung von Aufsätzen und Ansprachen aus den Jahren 1975 bis 1980:

Alfred Grosser: "Versuchte Beeinflussung. Zur Kritik und Ermunterung der Deutschen"; Carl Hanser Verlag, München/Wien 1981, 296 S., 36,– DM.

1925 in Frankfurt geboren,1933 mit seinen jüdischen Eltern nach Frankreich emigriert, seit 1937 Franzose, ist Grosser heute Professor für Politikwissenschaft, Direktor eines Forschungsinstituts und Publizist in Paris. Vor allem aber nimmt er eine unersetzbare Funktion wahr: Er erklärt den Deutschen Frankreich und den Franzosen Deutschland, hält den einen wie den anderen kritisch den Spiegel vor, bekämpft die Klischees und die Vorurteile, die hier wie dort spuken, verteidigt, mischt sich ein, mahnt – ein "Grenzzerstörer und Grenzerklärer", wie diese Funktion in einem Vortrag vor Romanisten beiläufig einmal beschrieben wird.

Man könnte auch von Aufklärung im genauen Sinne des Begriffs sprechen; nicht von ungefähr gehört der Aufsatz "Aufklärung und Toleranz heute" zum besten, was man zu diesem Thema lesen kann, noch dazu in anschaulicher, allgemeinverständlicher Sprache, springlebendig; Schulbuchverleger, bitte druckt das nach! (Und vergeßt auch nicht, was da in Klammern steht, weil es aus gegebenem Anlaß dem Vortrag spontan eingefügt wurde: "In all dem, was jetzt kommt, wäre es mir lieber, wenn jeder das überlegt, was ihm unbequem ist, als das beklatscht, was er hören wollte.")

Oder man lese den Vortrag nach, der 1980 auf einer Beamtenveranstaltung des DGB in Bonn unter dem Titel gehalten wurde: "Der Bürger, seine Verwaltung und sein Staat in Frankreich und in der Bundesrepublik Deutschland." Da wird auf ein paar Seiten mehr verständlich gemacht, als sonst in dickleibigen Büchern. Um nur eines zu nennen: In Frankreich ist das Heiligtum die Nation; vom Gegner, den man herabsetzen will, sagt man deshalb: "Il est du parti de l’étranger" – er ist fremdgesteuert, gehört nicht zur Nation. Die Bundesrepublik dagegen ging aus der Katastrophe des Nationalismus und aus der Abgrenzung gegen totalitäre Gewalt hervor; sie ist kein Nationalstaat. Daher würde zum Heiligtum die "freiheitlich-demokratische Grundordnung", und wen man herabsetzen und mundtot machen will, von dem heißt es, er stehe nicht auf dem Boden des Grundgesetzes. Der verdient die "Solidarität der Demokraten" nur noch als Ausstoßung aus ihr. Was im übrigen aus dem Unterschied folgt, etwa für die Begründung des Beamtenverhältnisses, liegt auf der Hand.