Der Kanzler als Dolmetscher zwischen Moskau und Washington

Von Theo Sommer

Mit einem Male ist die Weltpolitik wieder in Bewegung geraten. Mitte voriger Woche hat der amerikanische Präsident Ronald Reagan – endlich – ein Abrüstungsprogramm vorgelegt; in Bonn bekundete daraufhin der Sowjetführer Leonid Breschnjew seinen Willen, nicht nur eine Begrenzung der Mittelstreckenraketen in Europa, sondern deren Verminderung anzustreben; und nach zwei verlorenen Jahren setzen sich am kommenden Montag in Genf Amerikaner und Russen wieder zu Rüstungskontrollverhandlungen zusammen. Der Bundeskanzler kann aufatmen.

Seit zwei Jahren hat Helmut Schmidt im Kreml wie im Weißen Haus gemahnt, gewarnt und angetrieben. Er brachte erst – im Sommer 1980 – Breschnjew dazu, über eurostrategische Waffen zu verhandeln (was die Sowjets nach dem Nato-Nachrüstungsbeschluß trotzig von sich gewiesen hatten). Dann schlug er – im Frühjahr dieses Jahres – Ronald Reagan und seine neue Mannschaft breit, sich zu solchen Verhandlungen zu verstehen (was der ursprünglichen Absicht des Reagan-Teams gänzlich zuwiderlief). Im nächsten Frühjahr werden auch die Gespräche über eine Begrenzung der großen Raketenwaffen der Supermächte wieder aufgenommen. Die Zeit der Sprachlosigkeit zwischen Moskau und Washington ist vorüber.

Illusionen sind gewiß nicht am Platze; dazu liegen die Standpunkte der Amerikaner und der Sowjets allzuweit auseinander. Beide treten zwar für eine "Null-Lösung" ein, doch jeder versteht darunter etwas anderes: Reagan, daß die Nato-Nachrüstung unnötig wird, wenn die Russen all ihre Mittelstreckenraketen (SS 20, SS 4, SS 5) verschrotten; Breschnjew, daß die westliche Nachrüstung unterbleibt, wofür er allenfalls eine vage beschriebene Reduzierung seiner eigenen Mittelstreckenwaffen im europäischen Teil der Sowjetunion in Aussicht stellt.

Hier ist freilich das letzte Wort noch nicht gesprochen. "Null ist besser als gar nichts" – in dieser witzigen Schlagzeile des Guardian klingt schon die Erfahrungstatsache an, daß die Großmächte vor Beginn von Gesprächen noch immer Maximalpositionen bezogen haben, daß diese Positionen aber keineswegs unveränderlich sind. So ist es stets gewesen. Warum sollte es diesmal anders sein?

Nicht, daß die Gespräche einfach würden. Es wird unausweichlich zunächst einmal eine Phase der "Erbsenzählerei" geben, in der sich die Unterhändler darüber zu verständigen suchen, über welche Arsenale die Mächte eigentlich verfügen. Dann wird sich die Einsicht durchsetzen, daß keine Seite eine Null-Lösung nach eigenem Gusto durchdrücken kann. Schließlich werden Kompromißpakete geschnürt, Stufenpläne und Phasenprogramme entworfen werden. Helmut Schmidt hat bereits angekündigt, er werde im Laufe der Verhandlungen viel Einfluß nehmen, "damit etwas Vernünftiges herauskommt". Konferenzkrisen sind dabei nicht auszuschließen; am Ende wird man sich gleichwohl einigen.