Die Versorgungslage in Osteuropa hat sich weiter verschlechtert. In Polen richtete der Vorsitzende der Gewerkschaft "Solidarität" einen Appell an die ganze Welt, seinem Land mit Lebensmittelspenden zu helfen.

Der Aufruf war fernschriftlich an die westlichen Nachrichtenagenturen übermittelt worden. Walesa, der sich zunächst nur an die europäischen Staaten wenden wollte, bat um "außerordentliche und sofortige" Hilfe für die kommenden fünf Monate. Er befürchtet bei einer andauernden Lebensmittelknappheit im Winter schwere soziale Spannungen oder gar "spontane Ausbrüche des Volkszorns". Die Verhandlungen zwischen der "Solidarität" und der polnischen Regierung könnten dadurch belastet werden und eine Verbesserung der katastrophalen wirtschaftlichen Lage erschweren. Extreme Engpässe bestehen in Polen bei den Grundnahrungsmitteln Fleisch, Butter, Käse und anderen Molkereiprodukten.

Eine desolate Landwirtschaft, Probleme bei der Planerfüllung und Lebensmittelknappheit bereiten auch den anderen Regierungen im Ostblock große Sorgen:

  • In Moskau hatte die Kreml-Führung schon vergangene Woche die miserable Wirtschafts- und Versorgungslage eingestanden. Die genauen Ergebnisse der dritten Mißernte hintereinander gaben Leonid Breschnjew und sein Planungschef Baibakow nicht bekannt.
  • Die DDR, die möglichst wenig Getreide einführen wollte, hat nach westlichen Schätzungen in diesem Jahr mindestens eine Milliarde Mark für ausländisches Korn bezahlt. Weitere Probleme in Ost-Berlin: mangelnde Futterversorgung, dadurch Verluste bei der Viehzucht und kaum steigende Erträge bei der Milch- und Fleischproduktion.
  • Rumänien macht die schwerste Wirtschaftskrise seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges durch. Die wichtigsten Lebensmittel mußten bereits rationiert werden.
  • Die Tschechoslowakei orientiert sich seit dem Ende des Prager Frühlings 1968 politisch und wirtschaftlich ausschließlich an der Sowjetunion. Die streng eingehaltenen Prinzipien der Planwirtschaft haben dazu geführt, daß eine Reihe von Waren rar geworden ist. Die Bevölkerung reagiert mit Hamsterkäufen.
  • Ungarn hätte als erstes östliches Land seine Wirtschaftspolitik liberalisiert. Die ungarische Regierung setzt auf die Förderung der Eigeninitiative in den Betrieben; die Landeswährung, der Forint, ist vergleichsweise stabil.

Kürzlich stellte Ungarn in Washington einen Antrag zur Aufnahme in den Internationalen Währungsfonds; Polen folgte in der vorigen Woche. BeM.