Gemeinsame Beethoven-Verehrung führte den ersten amerikanischen Salt-Unterhändler, Paul Henry Nitze, und seinen sowjetischen Gegenspieler Semjonow auf Spaziergänge in die liebliche Umgebung von Baden, dem österreichischen Kurort an der Schwechat: Hier wanderte einst der große Komponist, ein Sonderling schon, in legendärer Einsamkeit.

Für Paul Nitze, den virtuosen Amateurpianisten und Kenner deutscher Kulturgeschichte, führte freilich keine musikalische Brücke ins politische Lager des russischen Gegners. Amerikas Chefunterhändler der kommenden TNF-Abrüstungsgespräche in Genf hält die Sowjets für verschlagene Gesprächspartner: "Das Konzept ‚Fairness‘ gegenüber den anderen gilt für die sowjetischen Delegierten prinzipiell als unrealistischer Verhandlungsansatz." Mehr noch, "ein Drittel des sowjetischen ersten Salt-Teams in Wien bestand aus KGB-Agenten, an ihrer Spitze Genosse Nikolai S. Kishilow".

Paul Nitze erinnert sich der sowjetischen Versuche, die Amerikaner mit endlosen Wodka-Gelagen gefügig zu machen – "vergeblich", versichert der Unterhändler: Er behielt "klaren Kopf". Nur als amerikanische Sicherheitsbeamte um Henry Kissinger zu verhindern suchten, daß Paul Nitze an der feierlichen Salt-I-Vertragsunterzeichnung im Kreml teilnahm, riß dem Diplomaten die Geduld. Wenig später, 1974, verließ er das Salt-Team, weil Außenminister Kissinger, vom Präsidenten gedeckt, es vorzog, über die Köpfe seiner Experten hinweg mit den Sowjets zu verhandeln: tempi passati.

Die Ernennung des fast 75jährigen pensionierten Wirtschafts-, Verteidigungs- und Strategie-Experten Nitze zum Mann, der in Genf Ronald Reagans maximale Abrüstungsforderungen vis-à-vis selbstbewußter Sowjets vertreten soll, gehorcht einer inneren Logik seines politischen Lebenszusammenhangs. Der straffe, wohlartikulierte Amerikaner gehört zu den wenigen lebenden Menschen, die alle katastrophalen Folgen einer Atombomben-Explosion aus mittelbarer Erfahrung kennen: Zwischen 1944 und 1946 überprüfte der Sohn des Germanistikprofessors William Nitze die infrastrukturellen und wirtschaftlichen Konsequenzen des alliierten strategischen Flächenbombardements in Deutschland und – in Japan. Mag sein, daß ihn die grauenhaften Bilder jener Zeit übermannten, als er zehn Jahre später in ganz uncharakteristischer Manier vor einem kirchlichen Forum bekannte, daß "für einen Christen die Theorie der nuklearen Abschreckung eigentlich unannehmbar" sei.

Die ethische Wendung blieb in der Erinnerung manch konservativer amerikanischer Zeitgenossen hängen: War dies ein Zipfel vom Defätismus des liberalen Ostküsten-Establishments, zu dem Nitze zweifellos zählt? Der Beamte, der seinen Antikommunismus nie unter den Scheffel stellte, fand in Barry Goldwater einst seinen ärgsten Gegner.

Ähnlich friedfertige Äußerungen kamen Nitze in den späteren Jahren seiner politischbeamteten Karriere allerdings nicht mehr über die Lippen: Als Planungschef unter Harry Trumans Präsidentschaft im State Department, als Marine- und stellvertretender Verteidigungsminister zwischen 1963 und 1969 zählte Nitze zu den intellektuell hervorragenden Bürokraten amerikanischer Außenpolitik, der die demokratische Weltoffenheit seiner Kaste mit machtpolitischem Selbstbewußtsein zu verbinden verstand. In jenen Jahren akkumulierte er jenes waffentechnische und rüstungspolitische Knowhow (aber auch Freundschaften mit Politikern wie Helmut Schmidt), was ihm den Ruf eines Elite-Technokraten des Westens eintrug. Gleichzeitig spiegelte seine politische Entwicklung die ideologischen Verhärtungen der beiden Großmächte seit 1945 wider.

Nitze fühlt sich von der Frage nach dem "endgültigen Ziel" sowjetischer Expansion in Bann geschlagen; seine Antworten entwickelte er im Winter 1955 in einem aufsehenerregenden Aufsatz der außenpolitischen Fachzeitschrift Foreign Affairs. Zum erstenmal erschreckt hier ein Amerikaner – viele Jahre vor der offiziellen Nato-Doktrin der "flexiblen Antwort" (flexible response) – die Europäer mit der Aussicht auf einen begrenzten Krieg der Supermächte auf dem Territorium der Alten Welt. Nitze: "Die Europäer müssen verstehen lernen, daß ‚Krieg‘ kein Synonym für Armaggedon ist." In jenen Jahren hielt das nukleare Potential der Amerikaner die junge Atommacht UdSSR noch in Schach.