Von Marlies Menge

Wer sich in den letzten Tagen mit DDR-Bürgern unterhielt, mußte dem Eindruck gewinnen, daß sie der Besuch Leonid Breschnjews in Bonn noch weniger interessiert als die Bürger der Bundesrepublik. Ich habe mit vielen geredet, und ihre Meinungen zu diesem Thema unterschieden sich kaum. "Irgendwie ist das nichts Besonderes für uns", sagte mir ein junger Mann, der sich sonst bei politischen Gesprächen gern ereifert. "Wir kennen Breschnjew zur Genüge von den Parteitagen und so. Na gut, er fährt nicht jede Woche nach Bonn, und bestimmt ist es gut, daß er fährt, aber es reißt mich nicht sonderlich vom Hocker. Was kann schon für uns in der DDR dabei herauskommen? Meinen Sie vielleicht, die beiden reden über Reiseerleichterungen für DDR-Bürger oder daß die DDR ihren Mindestumtausch für westliche Besucher herabsetzen soll? Wenn Schmidt damit anfängt, wird Breschnjew ihm sagen, daß er sich darüber mit Honecker unterhalten müsse, daß er damit nichts zu tun habe."

Auch daß die Bundesrepublik das erste westliche Land ist, in das Leonid Breschnjew reist, seitdem sowjetische Truppen in Afghanistan stehen, schien die meisten nicht besonders aufzuregen. "Na und?" fragte ein älterer Mann, Ingenieur von Beruf. "Was meinen Sie, was passiert? Ein paar Afghanen demonstrieren auf der Straße, Schmidt sagt zu Breschnjew, geht doch da raus aus Afghanistan, und Breschnjew sagt zu Schmidt, das können wir nicht aus dem und dem Grund. Und damit ist die Sache erledigt."

Skepsis auch bei der Frage, ob der Besuch Breschnjews in Bonn sich günstig auf die Abrüstungsverhandlungen zwischen den beiden Großmächten auswirken könne. "Sehen Sie sich doch unsere Zeitungen an, was da über die neue Reagan-Vorschläge steht. Alles nur Taktik. Dieselbe Meinung wird vermutlich Breschnjew vertreten", meinte eine Ostberliner Rentnerin. Auf der anderen Seite haben Ost-West-Gespräche für Leute in der DDR von vornherein einen viel höheren Wert als bei uns. "Solange sie noch miteinander reden, die da oben", sagte eine junge Frau, Mutter von zwei kleinen Kindern, "können wir unten doch auch hoffen, daß es sich lohnt, wenn wir alles tun, um das Miteinander nicht zu verlernen. Hoffentlich wird Reagan Breschnjews Vorschlag akzeptieren, daß sie sich treffen wollen. Denn daß die beiden miteinander reden, wäre natürlich noch wichtiger."

Der Bundeskanzler wird vor allem als Vermittler betrachtet. "Er kann sicher am besten. die westliche Position erklären, besser als Reagan", sagte ein Mann, Arbeiter in einem volkseigenen Betrieb. "Er könnte es vielleicht schaffen, daß doch wieder so etwas wie Vertrauen zwischen den beiden Seiten aufkommt. Und Breschnjew kann Schmidt seine Position erklären, daß der Westen vor allem begreifen lernt, daß die Russen ein echtes Interesse am Frieden haben auf Grund ihrer Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg. Da haben ja die Amerikaner ein Manko, sie haben den Krieg nie in ihrem Land gehabt. In der Sowjetunion lebt sicher keine Familie, die nicht Tote aus dem letzten Weltkrieg zu betrauern hat."

Meine Freundin erklärte, daß sie sich überhaupt nie für Staatsbesuche interessiere. "Die sind bei euch doch auch nicht anders als bei uns. Da ist das Protokoll, das muß abgehakt werden. Im Fernsehen sieht man, wie der Besuchte dem Besucher die Hand schüttelt und beide in die Kamera grinsen, und nachher heißt es, daß die Gespräche in sachlicher Atmosphäre verlaufen seien. Was die beiden geredet haben, werden wir nie erfahren. Was Großes ist doch bei solchen Besuchen noch nie beschlossen worden. Vielleicht haben sich ja irgendwelche großen Verträge, die uns betreffen, bei solchen Treffen angebahnt, und deshalb sind solche Gespräche immer auf alle Fälle gut. Aber, wie gesagt, erfahren werden wir das doch nie."