Kleine Staaten haben allen Grund, große Worte großer Staaten ernst zu nehmen – zumal in Zentralamerika. Ronald Reagans Regierung eröffnete im Januar ihre Amtszeit mit verbalen Attacken auf die kommunistisch-kubanische Gefahr in El Salvador. Seit zwei Wochen schießt das offizielle Washington propagandistisches Sperrfeuer auf Nicaragua, bis hin zu der ominösen Androhung Außenminister Haigs, sich alle Optionen offenzuhalten, politisch wie militärisch. Das aufgeschreckte Nicaragua sucht nach Bundesgenossen; Fidel Castro wehrt sich per Leserbrief an die Washington Post gegen den Vorwurf, der Brandstifter der Region zu sein; Mexiko warnt den nördlichen Nachbarn vor übereilten Schritten: Im Hinterhof Amerikas herrscht erneut helle Aufregung.

Gänzlich unerwartet kommt sie nicht, und völlig unschuldig ist auch Nicaragua nicht. Die sandinistische Führung erweckt seit drei Monaten – ob absichtlich oder nur aus Ungeschick – den fatalen Eindruck, als sei sie entschlossen, den Mittelweg zu verlassen und einen prononcierten Linkskurs Zu steuern, also das ohnehin brüchige Bündnis zwischen Revolutionären und demokratischen Bürgerlichen endgültig aufzukündigen. Haig drohte an, kein "zweites Kuba" in Mittelamerika zu dulden; eben dieses Schreckgespenst malen die Sandinisten unverdrossen an die Wand, ungeachtet einer Wirtschaftskrise, die sie Tag um Tag abhängiger macht von fremder Hilfe.

Statt diese Zwangslage zu nutzen, schwingt Washington den big stick, als ob die Tage der Interventionen, Invasionen und Blockaden nicht längst vorbei seien. Mit seinem innenpolitischen Kurs hat Managua so ziemlich alle seine früheren Freunde verprellt, doch eben diese Freunde werden ihm gegen Washington zur Seite stehen: nicht aus Sympathie, sondern aus Selbstachtung und lateinamerikanischer Solidarität.

Da nutzt es wenig, wenn Haig in Mexiko feierlich verspricht, die "atomwaffenfreie Zone Südamerika" zu respektieren. Die Mißachtung seiner südlichen Nachbarn ist bereits deutlich ausgesprochen. "Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich" – so simpel läßt sich die Welt nicht mehr ordnen.

Dabei hätte Washington gerade jetzt eine Chance, seine Beziehungen zum Süden zu verbessern. Die zur Demokratie zurückgekehrten Staaten des Festlandes werden alle von Krisen geschüttelt, die ihren Ursprung in wirtschaftlichen Problemen haben. In der Karibik hat Kuba fast dramatisch an Ansehen und Einfluß verloren. Die harten Militärregierungen des cour sur befinden sich in Verteidigungsstellung gegenüber demokratischen Forderungen. Mexiko und Venezuela, die Rivalen um die Führungsrolle des Halbkontinents, haben die Grenzen einer Aktionsfreiheit erkannt, die sich in diplomatisch kaum verhüllten Anti-Yankee-Parolen erschöpft. Das Weiße Haus, müßte nur sein früheres Versprechen einlösen, individuelle Beziehungen in den einzelnen Staaten zu knüpfen. Im Süden fehlt es nicht an Bereitschaft, bilateral mit den Vereinigten Staaten zu verhandeln, dagegen sehr an der Lust, als Spielgeld der Ost-West-Differenzen mißbraucht zu werden.

In El Salvador haben Washingtons große Worte den Krieg verlängert und die Verständigung hinausgeschoben. Soll Nicaragua nun das gleiche Schicksal drohen? Die Feinde der Sandinisten warten in den Nachbarländern auf einen Schwächeanfall des Regimes und einen Wink des Großen Bruders im Norden.

Horst Bieber