Eigentlich ist es unerklärlich und sollte bei der strengen Gliederung der deutschen Arbeitnehmerorganisation in Industriegewerkschaften gar nicht vorkommen. Aber irgendwie muß es das berühmte Milchmädchen trotz seines hohen Bekanntheitsgrades geschafft haben, sich heimlich in die Reihen der IG Metall einzuschleichen. Und nicht nur das – es muß ganz unbemerkt auch in eine einflußreiche Position gelangt sein. Ähnliches ist sonst nur von Günter Wallraff bekannt, der sich unter falschem Namen und mit zweckentsprechender Kostümierung beim Gerling-Konzern und der Bild-Zeitung eingeschlichen hat.

Ob das Milchmädchen bei der IG Metall im Gewande eines Drehers, Autoschlossers oder ehernen Marxisten dahergekommen ist, konnte bisher noch nicht geklärt werden. Sicher ist nur, daß es seit einiger Zeit wachsenden Einfluß auf die von der Industriegewerkschaft Metall vorgelegten Rechnungen gewonnen hat. Bei der Berechnung von Lohnforderungen, der angeblich segensreichen Auswirkung der 35-Stunden-Woche für den Arbeitsmarkt oder auch bei den der Kaufkrafttheorie zugrunde liegenden Kalkulationen war dies zwar manchmal schon zu ahnen. Letzte Gewißheit über das Wirken des branchenfremden Eindringlings bei der IG Metall herrscht aber erst, seit die Berechnungen dieser Organisation über die Folgen der Bonner Sparbeschlüsse vorliegen.

Unter dem Strich kommt dabei nämlich heraus, daß die Arbeitnehmer durch die Bonner Operation 82 im nächsten Jahr mit 10,7 Milliarden Mark belastet werden, die Unternehmer dagegen nur mit 0,6 Milliarden. Noch erschrecklicher wird die Rechnung, wenn Be- und Entlastungen bis 1985 zusammengezählt werden. Dann müssen die Arbeitnehmer auf 48,5 Milliarden Mark verzichten, während dem bösen Klassenfeind sogar noch 2,9 Milliarden Mark in Form steuerlicher Entlastungen zugesteckt werden.

Nun ist es der erklärte Zweck von Abschreibungserleichterungen (durch die bekanntlich die Steuerzahlungen nur aufgeschoben, nicht aufgehoben werden), die Investitionen anzuregen und dadurch Arbeitsplätze zu schaffen. Was daran so besonders arbeitnehmerfeindlich ist, läßt sich schwer erkennen. Oder ist es heute schon arbeitnehmerfeindlich, jemand eine Beschäftigung zuzumuten?

Bei der Berechnung der 48,5 Milliarden, die den Arbeitnehmern von herzlosen Politikern weggenommen werden, hat das Milchmädchen ebenfalls eine Kleinigkeit übersehen: Um die Leistungen finanzieren zu können, hätte Vater Staat seinen arbeitenden Söhnen und Töchtern noch tiefer als bisher in die Tasche greifen müssen – um ihnen das Geld anschließend wieder mit Gönnermiene in die andere zu stecken. Die studierten Volkswirte in der Hauptverwaltung der IG Metall müßten ihrer jungen Kollegin einmal die Steuerstatistiken zeigen. Dem kleinen Mädchen vom Lande würden die Augen übergehen, wenn es sieht, wer eigentlich die meisten Steuern zahlt – und damit sein eigenes Kindergeld, Wohngeld oder auch die Leistungen der Krankenkassen und andere soziale Wohltaten finanziert: die Arbeitnehmer.

Das Dumme ist nur, daß bisher noch niemand das Milchmädchen identifiziert hat. Deshalb kann ihm auch niemand diese Zahlen zeigen. Und deshalb wird es auch weiter so rechnen wie bisher. Nur eins ließe sich vielleicht verhindern: Daß die Funktionäre der IG Metall mit derartigen Rechnungen versorgt werden und sie dann gutgläubig bei ihren Reden auf den Marktplätzen verwenden. Vielleicht macht sie mal jemand darauf aufmerksam?

Michael Jungblut