Ein kleiner, eher rührender als spektakulärer Theaterabend in der Berliner Schaubühne: zwei Schauspieler, Urs Bihler und Miriam Goldschmidt, erzählen und spielen ein Zwanzigpersonenstück, die Legende „Der Dibbuk“ des jüdischen Schriftstellers Salomo Rappaport, der sich An-ski nannte, der 1920 in Warschau gestorben ist. Wachtangow hat das Stück 1922 an der Moskauer Habima inszeniert, vor ein paar Jahren war es im Hamburger Schauspielhaus in einer schönen, sehr ausführlichen Goldschmidt von Arie Zinger zu sehen.

Miriam Goldschmidt und Urs Bihler kommen, wie der Bearbeiter Bruce Myers, von Peter Brooks Pariser Theatergruppe – vor allem Miriam Goldschmidt wird jedem, der „Les Iks“ oder „König Ubu“ in Paris gesehen hat, unvergeßlich sein. Und sie ist es auch, die den unscheinbaren, in vielen Einzelheiten unbeholfenen Berliner Abend zu einer großen Stunde für das Theater macht.

Es ist eine obskure Geschichte, die An-ski erzählt: jüdische Folklore, Exorzismus, Liebe über den Tod hinaus. Ein junges Mädchen ist vom Geist ihres toten Geliebten besessen; als ein Wunderrabbi versucht, den Dibbuk auszutreiben, stirbt sie an dem frommen Gewaltakt.

Es sind auch obskure Mittel, die Miriam Goldschmidt einsetzt. Die Augen, schreckensweit aufgerissen, ein Gesicht, immer auf das Entsetzliche gefaßt, eine Stimme, die eine Kinderstimme sein kann und eine Greisenstimme, die die schrecklichsten Tierlaute hervorbringt und die schönste Musik.

Ein Schauspieler, sagt man,ist ein Menschendarsteller. Miriam Goldschmidtist eine Tragödin (und eine große Komödiantin). Der Tragöde ist kein Menschendarsteller, die Gesetze der Psychologie interessieren ihn kaum; nicht das Wahrscheinliche ist sein Thema, sondern das Unwahrscheinliche; der Tragöde hat keine Furcht vor Maske und Grimasse, sein Sprechen klingt immer wie ein Gesang; er „spielt“ nicht, er vollzieht ein Zeremoniell. Etwas Hohepriesterliches, Hexenhaftes ist in Miriam Goldschmidts Auftritten – ein großer, manchmal auch nur ein fauler Zauber. Der Menschendarsteller erzählt vom Leben, der Tragöde hält Zwiesprache mit dem Tod – „sein Blick (ein Satz aus dem „Dibbuk“) reicht in beide Welten“.

Es ist ein kleiner, ein rührender Abend in der Schaubühne. Urs Bihler, der Partner, eher ein tüchtiger und bemühter als ein besessener Schauspieler, muß sich sichtbar plagen, um ständig von Rolle zu Rolle zu wechseln. Mehr als ein tapferes Chargieren, eine Art ekstatischer Folklore kommt dabei nicht heraus. Aber Miriam Goldschmidt: wenn sie einen Partner hätte, ein Stück, einen Regisseur, wenn sie (nur so ein Einfall plötzlich) die Medea bei Peter Stein wäre – die Schaubühne und das deutsche Theater hätten eine Schauspielerin mehr, die beschwören könnte, daß das Theater ein Ort der Schrecken, des heiligen Wahnsinns ist, nicht bloß bürgerliche Wohnstube oder politischer Marktplatz.

Miriam Goldschmidt spielt den „Dibbuk“ – sie weiß, was sie tut. Daß sie gegen Ende mit ihren wilden Schreckensgrimassen und Schmerzensgebärden manchmal aussieht wie Frankenstein, der den Laokoon spielt, ändert nichts daran: ein großer Augenblick für das Theater. Benjamin Henrichs