Kassel

In Kassel tobt ein Denkmalstreit. Angefangen hatte er mit einem Antrag der Fraktion der Kasseler Grünen im Stadtparlament vom Anfang Oktober, am Kasseler Mahnmal für die Opfer des Faschismus eine kleine Gedenktafel mit der Aufschrift anzubringen:

"Wir schließen alle Soldaten unserer Heimat, die sich nicht mehr am Krieg beteiligen wollten und deshalb von den Nationalsozialisten zum Tode verurteilt wurden, in unsere Trauer mit ein. Auch sie sind es wert, nicht vergessen zu werden."

In der Begründung ihres Antrags wiesen die Grünen, die derzeit in einer Quasi-Koalition mit der SPD stehen und ihr damit das Regieren überhaupt erst ermöglichen, auf Fälle von Deserteuren in Kassel hin. Sie sagten, sie wollten mit der Erinnerung an diese Menschen einen Beitrag zur "geistigen Abrüstung" leisten.

So allerdings wollten die anderen Fraktionen den Antrag der Grünen nicht sehen. Die Kasseler Christdemokraten schleuderten ihnen eine Presseerklärung entgegen – ein Dokument unerschütterlicher Vaterlandsliebe. Man war "empört und bestürzt" und meinte, eine solche Tafel sei "eine Provokation und Beleidigung für Millionen von Soldaten, die aus Pflichterfüllung und Verantwortungsbewußtsein für ihr Vaterland Deutschland sich in diesem Krieg bewährt haben". Klar, daß die CDU die "Verherrlichung von zweifelhaften Deserteuren ablehnt, die nur geeignet ist, den ehrbaren und gradlinigen Deutschen zu beschmutzen, der sich im Krieg den Herausforderungen an der Front und auch in der Heimat gestellt hat".

Die Sozialdemokraten, die es mit ihrem grünen Bündnispartner wahrlich nicht leicht haben, mochten dem natürlich nicht zustimmen, aber auch nicht der Tafel. Sie beantragten die Verweisung des Antrags in den Haupt- und Rechtsausschuß – wo er auch landete – sowie die Erstellung einer historischen Dokumentation über Fälle von Fahnenflucht und ähnliche sogenannte "Wehrkraftzersetzungen" während des Krieges.

Die Freidemokraten, vertreten durch einen Berufsoffizier, sahen die Sache "differenzierter". Demnach gab es gute und schlechte Deserteure, nämlich solche, deren Fahnenflucht aus Widerstandsmotiven erfolgte oder von illegalen Sondertribunalen gerichtet wurde, und solche, die schlicht feige waren oder von ordentlichen Militärgerichten abgeurteilt wurden.