Von Nina Grunenberg

Zehn Tage Japan, Besuch in den Goethe-Instituten von Kyoto, Osaka und Tokio: Wie war’s? Machen wir’s uns einfach, sprechen wir mit dem Bundeskanzler. Auf dem internationalen Kultursymposium "Brücke über Grenzen", mit dem Hildegard Hamm-Brücher, die für Kulturpolitik zuständige Staatssekretärin im Auswärtigen Amt, im vergangenen Jahr Aufsehen erregte, begann Helmut Schmidt seine Ansprache mit den wohlerwogenen Worten: "Ich bin der Einladung gern gefolgt, allerdings nicht ohne Zögern. Denn wir Deutschen machen es uns ja oft schwer mit der Kultur, mit dem Kulturbegriff, mit den kulturellen Beziehungen. Und für einen Bundeskanzler ist es besonders schwierig, in einem Kreis sachverständiger, vielfach spezialisierter Fachleute etwas Nützliches zu sagen."

Für einen Reporter ist es noch schwieriger. Auch ich war der Einladung des Goethe-Instituts gern gefolgt, allerdings nicht ohne Zögern. Kultur in den Händen von Fachleuten kann zu einer unglaublich zähen Materie werden. Doch der Start im Morgengrauen in Narita, dem internationalen Flughafen von Tokio, war einfach und unmißverständlich. Von Geist war nicht die Rede, nur von Geld. Klaus Peter Roos, der Leiter des Goethe-Instituts in der japanischen Hauptstadt, begrüßte die vierköpfige Journalistengruppe, drückte jedem einen Packen Veranstaltungsprospekte in die Hand, die von den Aktivitäten seines Instituts zeugten, und sprach dann, auf der siebzig Kilometer langen Fahrt vom Flughafen zum Hauptbahnhof, nur noch von seinen finanziellen Sorgen.

Um es kurz zu sagen: Die Deutschen sparen, die Japaner noch nicht. Dabei ist das japanische Kulturleben nicht einmal subventioniert. Die Japaner sind bereit, viel Geld für Erziehung, Bildung und Kultur auszugeben. Allerdings sind auch ihre Ansprüche hoch. Was sie sich kaufen, muß nach etwas aussehen. So kommt es, daß nicht nur die Veranstaltung selber, sondern schon ihre "Verpackung" viel Geld kostet. Plakate, Kataloge, Programmhefte, Eintrittskarten – das ist jedesmal ein graphisches Ensemble, dessen Design sorgfältig aufeinander abgestimmt ist und erlesen aussieht. In Tokio erwartet man das. Die japanische Hauptstadt ist die teuerste Metropole der Welt. Die Preissteigerungsraten, unsere eigenen und die des Gastlandes, zehren am Etat des Goethe-Instituts. Ungünstige Wechselkurse nagen auch noch am Wert der Mark.

Klagen, Sorgen, Leiden: Da ist nur noch wenig von der neuen deutschen Kultursachlichkeit zu spüren, dem letzten Schrei bei dem Versuch, den Kulturbegriff neu zu definieren; da ist nur noch Goethes Panikorchester zu hören, auf Knopfdruck automatisch. Dafür kann man viel Verständnis aufbringen: Nicht nur die deutschen Politiker, sondern auch die kulturellen "Mittler" haben während der fetten Jahre in ihrer internationalen Arbeit von der Idee gelebt, daß mit Geld so ziemlich alles zu machen sei. Mit den mageren Jahren hat niemand ernsthaft gerechnete In den Gastländern wird das deutsche Wehgeschrei mit einiger Süffisänz kommentiert. "Die Deutschen tun mir entsetzlich leid", sagte ein Japaner, "aber sind die Herren schon einmal auf die Idee gekommen, nicht nur ihre Programme zu kürzen, sondern auch ihre Gehälter?" Das sei unmöglich, wurde ihm indigniert entgegnet, am Personalhaushalt sei nichts zu kürzen.

Solche Zurechtweisungen beantworten die Japaner mit Lächeln und Schweigen. Sie verachten Schwäche und haben "eine feine Nase für den Geruch der Verwesung" (Günter Diehl, Bonns früherer Botschafter in Tokio): Bei schlechten Bilanzen gute Figur zu machen und wenigstens versuchsweise zu demonstrieren, daß die Deutschen noch nicht mit den Knien schlottern, wäre auch ein Beitrag für Kulturpolitik im Ausland. Er hätte überdies den Vorteil, nichts zu kosten.

Goethe in Kyoto