Seit Oktober wird mit sechs Monaten bis zu fünf Jahren bestraft, wer Öl, Zucker, Mehl, Reis, Kaffee und andere haltbare Nahrungsmittel über den monatlichem Familienbedarf hinaus einkauft. Die gleiche Strafe wird allen angedroht, die Brot an das Vieh verfüttern. Aber vielerorts fehlt es an Futtergetreide. So stehen in manchen Dörfern Kühe, für die es kein Futter mehr gibt, die aber auch nicht geschlachtet werden; dürfen, weil der Viehbestand unbedingt zu erhalten ist. Sie werden bewacht, bis sie zusammenbrechen, und dann erst notgeschlachtet.

Ceausescu kämpft gegen die Krise mit wachsender Nervosität und alten Methoden, mit Sondersitzungen, Säuberungen und den berühmten vizite de lucru, Arbeitsbesuchen. Für solche Begegnungen und Belehrungen müssen Fabrikbelegschaften oft tagelang proben. Die Märkte, die der Conducator überprüft, werden zuvor gesondert beliefert und erst nach dem Besuch geöffnet. Kommt Ceausescu auf eine Kolchose, werden gelegentlich die Viehbestände mehrerer Farmen herangefahren, um Planerfüllung vorzutäuschen. In Oltenij, wo der Staats- und Parteichef Obstgärten besichtigte, wurden zusätzliche Apfel an die Bäume gebunden. In Bistritz, wo Ceausescu in ein Industrieviertel fuhr, waren zuvor verwelkte Bäume gespritzt worden. In Tusnad im Kreis Harghita verlangte der Besucher Erläuterungen über die Sortierung und Lagerung der Kartoffeln. Dann klärte der allwissende Staatschef die Bauern auf, wie sie eine noch bessere Bestandsdichte der Kartoffeln erzielen könnten. Am Rande eines Weizenfeldes ordnete er an, den Getreidebau in der Diagonale zu erproben.

Mit diesem, seinem klassischen Arbeitsstil wird der byzantinische Zuchtmeister die Rationierung kaum überwinden können, die jetzt den Verbrauch auf 410 Gramm Brot täglich und 2,5 Kilo Maismehl im Monat beschränkt. Die Rationierung von Nahrungsmitteln hatte Rumänien 1954 abgeschafft, nachdem das Land im Jahr zuvor 4C0 Kilogramm Getreide pro Kopf erzeugen konnte. Ein Vierteljahrhundert später, da die Getreideproduktion in Rumänien pro Kopf immerhin 900 Kilogramm erreicht hat, ist die Rationierung wieder eingeführt worden. Die Vernachlässigung der Landwirtschaft ist also nicht die Hauptursache des Dilemmas; die Ernten blieben zwar hinter den Plänen zurück, waren aber immer noch besser als in der Sowjetunion und in Polen. Der Kern des Übels, der Hauptgrund für die Versorgungsmisere liegt in der gefährlich wuchernden Auslands-Verschuldung. Die ist von 2,7 Milliarden Dollar im Jahre 1976 auf 13 Milliarden Dollar 1981 angestiegen. Nahrungsmittel müssen exportiert werden, um wenigstens einige der Devisen-Löcher zu stopfen.

Rumänien ist ausgerechnet jene Quelle zum Verhängnis geworden, die eigentlich seinen größten Reichtum ausmacht: das Öl. Das Schicksal Ceausescus erinnert an die Parabel von jenem Mann, der sein Glück verschenkte, weil er nicht genug bekommen konnte. Da das Land Öl besaß, baute die rumänische Führung eine petrochemische Industrie auf, deren Kapazität am Ende doppelt so groß war wie die eigene Ölproduktion. Die überstürzte und übertriebene Industrialisierung hatte – und das macht Ceausescus Entscheidungen verständlicher – konkrete politische Motive. Moskau wollte Rumänien, wie Bulgarien, die Rolle eines Agrarstaates, eines „Obstgarten im Sozialismus“, zuweisen. Ceausescu und auch schon sein Vorgänger Gheorghiu-Dej setzten dagegen auf die Industrialisierung als Garant der nationalen Unabhängigkeit.

Seit seinem Amtsantritt investierte Ceausescu in die Petrochemie. Sie sollte sich zur Hälfte auf die eigenen Ölvorräte stützen und darüber hinaus auf die damals noch billigen Ölimporte aus dem Iran und dem Irak. Doch 1974 explodierten die Ölpreise, später folgten der Sturz des Schah und der Krieg zwischen Ceausescus wichtigsten Öl-Lieferanten, Iran und Irak. Zu allem Übel wurden auch die rumänischen Quellen um Ploesti – den alten Ressourcen der deutschen Wehrmacht und den Bombenzielen der Alliierten – immer unzugänglicher. Die Förderung blieb weiter hinter den Plänen zurück. Und die Raffinerien bei Pitesti sind heute nur noch zu 60 Prozent ausgelastet. Die Einfuhr des Erdöls kostet inzwischen mehr Devisen, als der Export der petrochemischen Produkte einbringt.

Die prüde „Modell-Mutter“

So führte Ceausescus industrielles Aufbauprogramm nicht zur erhofften Befreiung, sondern zur Selbstfesselung. Zur Zeit ist das Land nicht mehr in der Lage, seine Devisenverpflichtungen gegenüber den internationalen Geschäftsbanken (Eurobanken) termingerecht zu erfüllen. Die Bukarester Staatsbank hat jüngst die westlichen Gläubigerbanken gebeten, die bis Jahresende fällig werdenden 2,47 Milliarden Dollar Kredite zunächst bis zum 30. Juni 1982 zu stunden. Allerdings befindet sich Bukarest, was Kredite betrifft, in einer etwas günstigeren Lage als Warschau. Denn Rumänien hat es Ceausescus Streben nach nationaler Souveränität zu verdanken, daß es als bisher einziges Land Osteuropas Mitglied des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank ist. Andererseits zeigt die Sowjetunion den neuen Avancen des unbotmäßigen Rumänen vorerst die kalte Schulter. Moskau will Bukarest zusätzliche Rohstoffe nur gegen Sonderbedingungen liefern, auf die sich Ceausescu bisher nicht eingelassen hat.