Wer mit dem anderen Leben ernst machen will, wer "alternativ" nicht nur in Kleidung, Auftreten und Stimmabgabe sein will, verachtet vor allem den Inbegriff der bürgerlichen Wirtschaft: das Geld. Die Alternativen wollen der Jagd nach dem Wohlstand entfliehen, sich von der Macht des Mammons abkoppeln. Manche träumen gar von einer Welt ohne Geld. In der alternativen Realität fehlt ihnen dann jedoch nichts mehr als Geld. Denn es sind meist nicht die Erfolgreichen, die der kapitalistischen Wirtschaftsordnung den Rücken kehren wollen. Der Aussteiger verfügt fast nie über ein gut gefülltes Bankkonto; Kapitalmangel, schon für die meisten bürgerlichen Unternehmensgründungen das Hauptproblem, ist darum das gemeinsame Kennzeichen fast aller alternativen Projekte. Aus den Geldquellen ihrer bürgerlichen Konkurrenz können die Alternativen fast nie schöpfen. Nur die wenigsten können den Kreditsachbearbeiter einer Bank von den Erfolgschancen ihres Vorhabens überzeugen; bankfähige Sicherheiten sind die Ausnahme. Zinsgünstige Existenzgründungsdarlehen des Staates, schon für konventionelle Jungfirmen nur schwer erhältlich, bleiben den Alternativen meist gänzlich versagt. Geld von Freunden, Ehepartnern und Sympathisanten muß diese Lücke füllen. Viele, die selbst den Schritt zur alternativen Praxis scheuen, dokumentieren ihre Verbundenheit zur Szene durch Spenden. Die Alternativen zeigen beträchtliche Phantasie bei der Entwicklung eigener Finanzierungsmodelle. So will die "Arbeiter Selbsthilfe Köln", eine selbstverwaltete Schreinerei, jetzt Leistungsscheine ausgeben: Potentielle Kunden, die das Projekt stützen wollen, sollen vorab Beträge zwischen 200 und 1000 Mark bezahlen. Binnen Jahresfrist können sie in Hohe ihrer Einlage Arbeitsleistungen der Schreinerei beanspruchen.

Die Fabrik für Kultur, Sport und Handwerk e. V auf dem ehemaligen Ufa Gelände in Berlin sucht Gönner, die bereit sind, "Anteilscheine" zu zeichnen. Die Ufa Schatzbriefe an Wert von jeweils fünfhundert Mark will die Fabrik bis Ende 1985 einlösen — Zinsen soll der "Anleger" in dieser Zeit allerdings nicht bekommen. 160 Scheine konnten in vier Wochen unter die Leute gebracht werden — insgesamt will die Fabrik so 380000 Mark sammeln.

Spenden für andere sammelt im großen Stil die "Netzwerk Selbsthilfe" ein (siehe "Bank ohne Zinsen" auf der nächsten Seite).

Für die Gründung eines Betriebes reichen diese Mittel kaum aus — beim Kauf von Maschinen und Gerät langt es nur zu Gebrauchtem. Viel ist damit nicht zu verdienen; das tägliche Leben wird deshalb oft durch staatliche Förderung für Studenten oder die Arbeitslosenunterstützung finanziert. Aus der Sicht des normalen Arbeitnehmers, der täglich acht Stunden seine Pflicht tut, wirkt, das parasitär: Die Alternativen geben sich ihren Neigungen hin und liegen letztlich der Allgemeinheit auf der Tasche.

Den Vorwurf, nur Schmarotzer der Wohlfahrtsgesellschaft zu sein, weisen Marlies, TChomasj Sigi und Werrifried von der Ottenser Manufactur für Papierzerstörung und Papierveredelung eri gros & en detail von 1981" in Hamburg aber entschieden zurück. Sie haben erst in diesem Jahr in einem alten Fabrikgebäude angefangen; ein "junges Projekt", wo Spezialistentum durch Engagement, Kapital durch stärkeren Arbeitseinsatz ersetzt wird. Nach ihrem Selbstverständnis sitzen die Hamburger nicht im sozialen Netz und lassen sich durchfüttern, sondern arbeiten hart — bis zu sechzehn Stunden am Tag — in ihrem selbstverwalteten Betrieb. Viel Geld allerdings nehmen sie damit nicht ein, und leben können sie davon auch kaum: "Wir verteilen nur den Mangel", meint Wernfried. Maschinen, die ihnen das Falzen von Prospekten erleichtern, konnten sie in diesem Sommer nur kaufen, weil sie 25 000 Mark zinslos als Darlehen vom "Netzwerk" bekommen haben — und die Abzahlung belastet jetzt zusätzlich den Etat. 10000 Mark müßten sie im Monat einnehmen, um ihre Kosten zu decken und genug zum Leben zu haben. Tatächlich finanzieren die vier das tägliche Leben nicht aus ihrem "Projekt". Das tägliche Brot bezahlen sie mit der Arbeitslosenunterstützung. Alternativ ist bei der Papierverarbeitung die Arbeitsorganisation, weil jeder alles macht, keiner Chef ist. Später einmal, so ihre Hoffnung, werden sie wirtschaftlich unabhängiger sein i— und mehr Zeit haben, sich politisch zu engagieren.

Die "Arbeiterselbsthilfe" (ASH) in Frankfurt ist schon weiter als die Hamburger, sie gibt es schon seit über fünf Jahren. Die ASH gilt vielen als alternativer Musterbetrieb. Von ihr leben, so versichert Stephan, der "Öffentlichkeitsarbeiter" der Gruppe, heute vierzig Menschen, darunter sechs Kinder.

Eine Gruppe von Arbeitslosen hat 1976 damit begonnen, gebrauchte Möbel aufzukaufen und wieder zu verscherbeln. He ute ist daraus ein regelrechter Antiquitätenhandel geworden, "der teuerste in Frankfurt", wie ein verärgerter Taxifahrer meint, dessen dort gekaufter "antiker" Schrank ein Schloß "Made in Hongkong" hatte. Auf dem Parkplatz vor der alten Mühle steht an Wochenenden schon mal ein. Rolls Royce eines Kunden — bei der "Arbeiterselbsthilfe" kaufen auch die Mitglieder des Establishments. Für Stephan ist das kein Makel, im Gegenteil: "Früher, als wir noch Gebrauchtmöbel verkauften, kamen wir uns mitunter schäbig vor, weil wir von Leuten leben mußten, die auch nicht viel hatten. Jetzt kommen unsere Einnahmen aus gut gefüllten Taschen "

Inzwischen ist die ASH schon so etwas wie ein alternativer Konzern: Neben dem Antiquitätenhandel und der Aufarbeitung alter Möbel bringen eine Drückerei und bald auch eine Gastwirtschaft sowie die Vermietung von Seminarräumen pro Jahr einen Umsatz von nahezu einer Million Mark. Das ist genug, um die Kosten zu decken und für jedes Mitglied noch etwas übrigzulassen. Die Gruppe arbeitet und lebt zusammen in einer alten Mühle in der Nähe von Frankfurt. Entschieden wird nicht von einem "Chef", sondernvon der ganzen Gemeinschaft — ohne Abstimmung, es wird so lange diskutiert, bis Übereinstimmung erreicht ist.

Ihren Konzern führt die ASH nach allen Regeln der — kapitalistischen — Kunst. Gebäude und Grundstück werden von einem "Verein Hilfe zur Selbsthilfe", der gemeinnützig und damit steuerbegünstigt ist, mit monatlichen Raten gekauft; das Handelsgeschäft betreibt die ASHGmbH, im Handelsregister eingetragen als "Allgemeine Sortiments Handelsgesellschaft", weil "Arbeiterselbsthilfe" vom Amtsgericht als Firmenname nicht akzeptiert wurde.

Nur für die Bürokratie, in diesem Fall die Renten- und Sozialversicherung, wird auch die Bezahlung der einzelnen erwachsenen Mitglieder mit 1200 Mark netto im Monat angemeldet, denn danach bemessen sich die Beiträge. Tatsächlich nimmt sich jeder so viel, wie er braucht — und "er braucht nicht viel", wie Stephan verWal sie brav ihre Beiträge zur Sozialversiche rung zahlte, hat die ASH auch keine Hemmungen, die Segnungen des Sozialstaates in Anspruch zu nehmen. Auch bei der ASH gibt es mitunter "Arbeitslose", auch manche Mitglieder der ASH beziehen Gelder von der Nürnberger Bundesanstalt. Stephan betont jedoch, daß das die Ausnahmen seien. Wie jedes Unternehmen müsse halt auch die "Allgemeine Sortiments Handelsgesellschaft" in schlechteren Zeiten Arbeitskraft "entlassen".

Selbst in Frankfurt also leben bei genauerer Betrachtung nur ein Teil der Mitglieder ausschließlich von ihrem Projekt. Selbst bei def ASH, die von vielen jüngeren Projekten als Vorbild — von manchen bereits als zu Wenig alternativ und zu sehr kapitalistisch — gesehen wird, stammen nicht alle Einnahmen aus der alternativen Arbeit.

"Staatsknete", Geld aus öffentlichen Tapfen, nimmt auch Die Tageszeitimg in Berlin, da tägliehe Infonnationsmedium der alternativen Szen —allerdings nicht mehr als andere Unternehmen in <ier ehemaligen deutschen Hauptstadt auch: Di taz profitiert einfadi von der BerEnförderung; so bezuschußte der Staat ihren neuen Cotttpater , " , Den Löwenanteil ihrer Ausgaben bestreitet die laufenden Einnahmen — und gibt darüber auch detailliert jÄuskunft, Im Gegensatz zu bürgerlichea Blättern, die aur wenig über ihre eigene wirtschaftliche Läge verlauten lassen, präsentiert die überregionale taz ihren Lesern jedes Halbjahr eine genaue Gewinn- und Verlustrechnung. In deö ersten sechs Monaten 1981 kamen danach knapp neunzig Prozent der Einnahmen von insgesamt etwas mehr als 2 8 Millionen Mark aus dem Zeitungsverkauf. Spenden erreichen fast hunderttausend Mark.

Das erste Halbjahr 1981 schließt dank einer Auflagensteigerung von 23 000 auf 33 000 Exemplare bei der taz mit einem Überschuß von fast 110000 Mark. Noch vor einem Jahr mußten die Leser spenden, um das Überleben zu sichern. Jetzt verweist die taz darauf, daß in Zukunft größere Aufgaben auf sie zukommen: So müßte vor allem eine Redaktion für eine HamburgBeilage aufgebaut werden. Erwogen wird auch eine "längst fällige Erhöhung des taz Einheitslohns" von tausend Mark netto pro Monat und Mitarbeiter — einerlei, ob Redakteur, Setzer oder Lehrling.

Die linke Tageszeitung ist jedoch, so meint Joseph Huber, kritischer, aber wohlwollender In sider in Berlin, eine Ausnahme in der alternativen Szene. Die Projekte seien meist "mehr noch als gewöhnliche Kleinbetriebe wirtschaftlich unselbständig". Nur bei knapp vierzig Prozent der von Huber analysierten Projekte stammen die Einnahmen überwiegend aus eigenständig erwirtschafteten Erlösen. Die restlichen sechzig Prozent aber lebten "von vornherein in der Hauptsache von Subventionen", wobei Huber unter diesem Begriff kirchliche und staatliche Hilfen sowie Privatspenden zusammenfaßt. Die Beträge, die so zusammenkommen, reichen selten für ein auskömmliches Leben. Und nur wenige Projekte haben Glück wie die Sozialistische Selbsthilfe Köln (SSK), der der Schriftsteller Heinrich Böll ein Haus schenkte.

In jedem zweiten Projekt, so meint der Berliner Politologe Huber, leben alle Mitglieder von Geldern, die von außen stammen: Ehepartner, Eltern, Freunde, BAFöG, Wohn, Arbeitslosenund Sozialhilfe finanzieren hier. Ein weiteres Drittel der Projekte bezahle nur einen Teil seiner Mitglieder. Aus dieser Finanzstruktur schließt Huber: "Wir sind von oben bis unten an die Megamaschine angestöpselt, darüber sollte sich niemand Illusionen machen Megamäschine ist in der Spracheder Alternativen der Staat und die offizielle Wirtschaft.

Vor diesem Hintergrund scheint die Diskussion um die Annahme öffentlicher Gelder; die "Staatsknete", in der alternativen Szene paradox — was allerdings niemand daran hindert, sie mit großer Heftigkeit zu führen. Darin kommt das Unbehagen zum Ausdruck, daß ausgerechnet die Gesellschaft, die man selbst ablehnt und au_s der man ausgestiegen ist, mit ihren Finanzen das eigene Projekt am Leben erhält. Heftig wird deshalb auf den Vorwurf des Parasitentums reagiert r— und angesichts des immensen Zeit- und Kräfteaufwands vieler Alternativ Arbeitender ist dieser Vorwurf auch unfair: Denn damit wird unterstellt, daß hier eine Gruppe auf Kosten der Gesellschaft dem Wohlleben frönt — was objsktiv unwahr ist.

öffentliche Mittel sind aber auch aus einem anderen Grund verpönt: In vielen Projekten wird befürchtet, mit dem Geld aus dem großen Topf Sjies Systems" auch von diesem beeinflußt, gebraucht und letztlich verändert zu werden. Mit Mißtrauen sehen die Alternativen den Vorschlag von SPD Bundesgeschäftsführer Peter Glotz, der einen staatlichen Fonds für ihre Projekte anregt; Und vor einem Jahr suchte Björn Engholm, damals noch Bildungs Staatssekretär, vergeblich Abnehmer für 200000 Mark aus dem. Staatssäckel Eben deshalb, so analysiert das Bundesfamilienministeriurn in einer Studie, nimmt ein Teil der alternativen Projekte Förderungsmittel, auch Beratung und andere Hilfen nur insgeheim in Anspruch"; gegenüber der Szene werde diese Geldquelle nicht zugegeben. Und wegen ihres politischen Anspruchs, der meist zumindest auf eine Veränderung der bestehenden Gesellschaftsordnung hinausläuft, müßten "in bestimmten Situationen auch die Befürworter einer begrenzten Zusammenarbeit mit dem Staat aus Gründen der Solidarität die Zusammenarbeit teilweise einstellen, selbst wenn ihnen daraus erhebliche Nachteile erwachsen".

Wenn die Alternativen schon lernen mußten, daß es ohne Geld nicht geht, so wollen sie sich wenigstens nicht kaufen lassen.

In der nächsten Folge:

Die Probleme der Alternativen